Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ueber die Function der Bogengänge des Ohrlabyrinthes [Offprint]
Person:
Breuer, Josef
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit37619/45/
Ober d. Function der Bogengänge d. Ohrlabyrintlies. 
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vorne herein ungewiss, welcher Perception der Apparat vorsteht, 
der Wahrnehmung der Bewegung des eigenen Körpers oder dem 
Hören. Ich wage darüber keine Meinung auszusprechen, hielte es aber 
für ein dankbares Unternehmen, die Gehörorgane niederer Thiere 
von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten. Wenn ich bedenke 
wie wichtig für Wasserthiere die Empfindung passiver Bewegung 
ist, da sie durch die Strömung so viel mehr und intensiver bewegt 
werden als Luftthiere durch ihr Medium, und bei wie niederen Thieren 
schon die Gehörbläschen auftreten, wo kaum ein Pigmentfleck der 
Liehtperception vorsteht, wie bei Medusen die »Randkörper« u. s. f. 
dann scheint mir die Frage nahezuliegen, ob denn die grobe Per¬ 
ception des Otolithenstosses und damit der Bewegung des Körpers 
nicht die erste Leistung dieses Organes in der Thierreihe ist. Wenn 
es bei höheren Thieren vielleicht beiden Functionen vorsteht, so 
entspricht es doch nur der Theilung der Arbeit, worin die compli- 
cirtere Organisation besteht, wenn jenes Otolithenbläschen in den 
höheren Stufen der Thierreihe sich differenzirend entwickelt : in ein 
Organ für Perception der Bewegung, zur höchsten Leistung befähigt 
im System der Bogengänge, und in ein Organ zur Wahrnehmung 
der Schallschwingung, die Schnecke. 
In diesem Zusammenhänge würde es sich erklären, wieso die 
beiden, anscheinend so verschiedenen Functionen des Hörens und 
der Bewegungsperception in den beiden Theilen eines und desselben 
Organes verbunden sind; es würden die beiden Functionen in dem 
Gehörbläschen der Weichthiere im Keime vereinigt sein; zu ihrer 
Entfaltung differenzirte sich das Bläschen zu den beiden Theilen des 
häutigen Labyrinthes. 
VI. 
Im vorigen Abschnitte habe ich Yermutliungen über Denkbares 
und Mögliches ausgesprochen. Ich wünsche nun eine scharfe Unter¬ 
scheidung aufrecht zu halten zwischen diesen Betrachtungen und der 
Ansicht, dass die Bogengänge ein Perceptionsorgan für Drehungen 
des Kopfes und mittelbar des Körpers sind. Ich hoffe, dass durch 
die Darlegungen der früheren Abschnitte diese Ansicht ziemliche 
Wahrscheinlichkeit und damit die Lehre Goltz’s vom „Sinnesorgan 
für das Gleichgewicht“ weitere Ausbildung und Begründung erlangt 
hat; denn um jenes geistvolle Aperçu Goltz’s handelte es sich ja 
in allen vorliegenden Ausführungen.
        

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