Bauhaus-Universität Weimar

6. Cap. Einfluss d. Nervensystems. Temperaturänderungen u. s. w. 
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ziehen und den Versuch zu machen, hier und da einen Schluss zu 
Gunsten der einen oder der anderen zu ziehen. 
Wir gehen von den Erscheinungen aus, welche am Ohr nach 
Sympathicusdurchschneidung auftreten, nicht nur weil sie die zuerst 
entdeckten Thatsaehen auf diesem Gebiet sind, sondern auch weil 
sich an sie schon alle die Discussionen anknüpfen, welche den Gegen¬ 
stand dieses Capitels überhaupt bilden. 
Nachdem Pourfour du petit im Jahre 1727 die Verengerung 
der Pupille nach Durchschneidung des Halssympathieus kennen ge¬ 
lehrt hatte, fand Claude Bernard1 bei Wiederholung dieses Ver¬ 
suchs die dabei auftretende Erweiterung der Gefässe und Tempe¬ 
raturzunahme am Ohr. Seit dieser Zeit datiren die zahlreichen 
Untersuchungen über die Innervation der Gefässe, welche Bd. IV. 1. 
S. 399 ff. ihre eingehende Darstellung gefunden haben, weshalb wir 
an dieser Stelle sie nur mit ganz besonderer Rücksicht auf die 
dabei auftretenden calorischen Erscheinungen zu besprechen haben. 
Bernard hat seine Untersuchungen an verschiedenen Orten darge¬ 
stellt, am ausführlichsten in seinen 1786 erschienenen Leçons sur la 
chaleur animale2, welche ich, soweit es sich um Bernard’s Ansichten 
und Forschungen handelt, der folgenden Darstellung zu Grunde lege. 
Die Erweiterung der Ohrgefässe hat ein schnelleres Strömen 
des Bluts durch dieselben zur Folge. Mit diesem zugleich zeigt 
sich eine beträchtliche Erhöhung der Temperatur des Ohres auf der 
Seite der Durchschneidung. Der Unterschied in der Temperatur 
beider Ohren ist um so grösser, je kälter die umgebende Luft ist; 
bei hohen Temperaturen derselben erweitern sich auch die Gefässe 
des anderen Ohres, und seine Temperatur steigt, so dass die Diffe¬ 
renz unmerklich werden kann. In gleichem Sinn wirken starke Be¬ 
wegungen des Thieres. Es liegt nahe, die Temperaturerhöhung nur 
von der vermehrten Blutzufuhr abzuleiten. Das Ohr gehört zu den 
der Abkühlung am meisten ausgesetzten Organen ; das Blut, welches 
in dasselbe einströmt, ist bedeutend wärmer als das Organ; je mehr 
Blut zuströmt, desto mehr muss sich die Temperatur des Ohres der 
des Blutes annähern. Auf der anderen Seite aber ist klar, dass im 
Ohr, wie in allen Organen, auch locale Wärmebildung stattfindet, 
und diese kann ihrerseits selbst von der Geschwindigkeit der Durch¬ 
strömung abhängig sein. Aber Bernard begnügt sich nicht mit dieser, 
wenn wir so sogen dürfen, mechanischen Auffassung des Phänomens. 
1 Claude Bernard, Compt. rend. d. 1. soc. d. biologie. 1851. p. 163; Compt. 
rend. XXXlY.p. 472. 1852. 
2 Derselbe, a. a. 0. p. 194 ff.
        

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