Bauhaus-Universität Weimar

VERLAG VON THEODOR STEINKOPFF, DRESDEN 
er viel williger sein wird, hier eben ein neues Erscheinungsgebiet 
anzuerkennen ; er wird gern, da er es gewohnt ist, wieder die elemen¬ 
tare induktive Bearbeitungsweise auf nehmen, die auf vielleicht lang¬ 
samerem aber zweifellos sicherem Wege zu allgemeinen Gesetzmäßig¬ 
keiten führt. Er wird eine größere Hochschätzung als der an eine 
sublime experimentelle und mathematische Methodik gewöhnte klas¬ 
sische Physikochemiker für jene Art von Arbeit in der Kolloidchemie 
haben, die sich zunächst auf die mehr qualitative Entwirrung der Eigen¬ 
tümlichkeiten kolloider Systeme, auf das Auffinden möglichst aller mit¬ 
wirkender Faktoren, auf ihre begriffliche Sonderung, Zuordnung und 
Beschreibung beschränkt. Kein Biologe, der solche Arbeit tut, wird 
glauben, damit das betreffende kolloidchemische Problem restlos ge¬ 
löst zu haben * er weiß, daß die tunlichst strenge quantitative Behand¬ 
lung seinen Resultaten erst den letzten Schliff gibt. Aber die Dia¬ 
manten müssen erst gefördert werden, bevor man sie schleifen kann, 
und es mag wohl richtig sein, daß der Blick eines Biologen hierfür 
freier und schärfer ist als der eines solchen Physikochemikers, dem im 
Verhältnis zum Biologen eine qualitativ kleinere Zahl von Natur¬ 
erscheinungen geläufig ist, und der in den ihm gewohnten Fällen 
seine Variabein schon im voraus kennt. 
In dieser als Gegengewicht — nicht etwa als Gegensatz — zu 
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der ausgebildeten quantitativen Methodik der klassischen Physiko- 
chemie wirksamen Eigenart kolloidchemischer Beiträge von biolo¬ 
gischer Seite glaubt der Unterzeichnete ein besonders förderliches Mo¬ 
ment für die Entwicklung der Kolloidchemie zu sehen. Denn mehr als 
irgendeine andere führt diese Anschauung zu der Auffassung der 
Kofloidchemie als eines selbständigen Gebietes der physikalischen 
Chemie, mit Eigengesetzlichkeiten, welche denen der physika¬ 
lischen Chemie „echt“ gelöster Stoffe nicht etwa subordiniert, sondern 
vielmehr koordiniert sind. Daß diese letztere Auffassung die richtige 
ist, das ist allerdings das kolloidchemische Glaubensbekenntnis des 
Unterzeichneten. Mögen die mannigfaltigen Erfolge solcher Art Ar¬ 
beit, wie sie das vorliegende Buch in glänzender Weise aufzeigt, dazu 
helfen, diesen befruchtenden Einfluß der Biologie auf die Kolloid¬ 
chemie noch ergiebiger, und in der Erkenntnis der besondern Art seiner 
Wirkung noch bewußter zu gestalten. 
Wolfgang Ostwald.
        

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