Bauhaus-Universität Weimar

Die Arbeitscurve. 
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ist es nicht leicht, sich eine bestimmte Vorstellung von der Ursache 
unserer Arbeitsunlust nach dem Essen zu machen. Vielleicht spielen 
hier die erhöhten Anforderungen, die der Verdauungsvorgang bei der 
Blutvertheilung stellt, eine gewisse Rolle. 
Wir dürfen gewiss annehmen, dass es außer den angeführten 
Fällen noch manche andere Zustände gibt, die äußerlich demjenigen 
der Ermüdung ähnlich sind, den Gang der Arbeitscurve aber in ganz 
anderer Weise beeinflussen. Dahin gehören namentlich gewisse traurige 
Verstimmungen, Zerstreutheit durch Ablenkung, auf krankhaftem Ge¬ 
biete die Zustände mit psychischer Hemmung. Hier findet überall 
im Verlaufe der Arbeit nicht, wie hei der wirklichen Ermüdung, ein 
Sinken, sondern ein Anwachsen der Leistung statt. Aehnlich ist es 
mit manchen vorübergehenden Giftwirkungen. Sobald der lähmende 
Einfluss des Giftes, etwa des Aethers oder Alkohols, schwindet, steigt 
die Arbeitscurve wieder an, auch wenn wir fortarbeiten. 
Auf der anderen Seite kann die wirkliche Ermüdung zum Theil 
oder vollständig durch Einflüsse verdeckt werden, die unsere Arbeits¬ 
leistung steigern. So vermögen wir durch vermehrte Anspannung 
des Willens ohne Zweifel, wenn auch nur für kurze Zeit, die Er¬ 
müdungslähmung auszugleichen. Dasselbe gilt von Erregungszuständen 
verschiedenen Ursprunges. So scheint aus Versuchen von Hylan1) 
hervorzugehen, dass die durch einen zweistündigen Spaziergang erzeugte 
Erregung, obgleich sie von Ermüdung begleitet ist, doch eine Zeit 
lang die Addirleistung steigern und somit die Zeichen der Ermüdung 
verdecken kann. Wir dürfen auch wohl annehmen, dass gemüthliche 
Erregungen nicht nur im Stande sind, das Gefühl der Müdigkeit zu 
verjagen, sondern auch den Ermüdungseinflüssen bis zu einem gewissen 
Grade entgegenzuwirken. Freilich wird sich dann mit dem Nach¬ 
lassen der Erregung die Ermüdungslähmung um so stärker geltend 
machen müssen, da sie natürlich nur verdeckt, nicht aber beseitigt 
werden konnte. Leider sind diese Verhältnisse zur Zeit nur wenig 
untersucht worden. Ich selbst aber habe z. B. die Erfahrung gemacht, 
dass unter dem Einflüsse gemüthlicher Erregung die lähmende Wirkung 
einer Gabe von 60 gr Alkohol ausblieb. Einige Gifte vermögen die 
1) Psychologische Arbeiten IV (noch unter der Presse). 
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