Bauhaus-Universität Weimar

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Emil Kraepelin. 
punkt. Wie das Gleichgewicht in unserem Körperhaushalte fort¬ 
während durch das verwickelte Ineinandergreifen der verschieden¬ 
artigsten Leistungen aller Theile vermittelt wird, so ist auch unser 
Seelenzustand in jedem Augenblicke von dem Zusammenwirken man¬ 
nigfaltiger, sich vielfach durchkreuzender Vorgänge bestimmt. In 
ihren allgemeinen Umrissen ist -uns diese Abhängigkeit unseres Ich 
von Allgemeinbefinden und Stimmung, von Ermüdung, Ruhe und 
Schlaf, von Hunger und Sättigung u. s. f. vollkommen bekannt. Sie 
lässt sich aber auch in ihren Einzelheiten verfolgen, sobald man zu 
dem Hülfsmittel des planmässigen psychologischen Versuches greift. 
Wir sind im stände, nicht nur die Schwankungen unserer seelischen 
Leistungen nachzuweisen und zu messen, sondern auch bis zu einem 
gewissen Grade ihre Ursachen aufzudecken und die Theilvorgänge 
von einander zu trennen, aus denen sich jeweils die Gesammtleistung 
zusammensetzt. Freilich werden wir uns dabei zunächst zu beschei¬ 
den haben. Es sind bis heute nur einzelne, sehr einfache Formen 
der geistigen Thätigkeit, aus denen wir Maßbestimmungen für die 
wechselnden Zustände unseres Innern ahleiten können. Wir dürfen 
indessen wohl erwarten, dass die einmal gewonnenen Grundanschau¬ 
ungen sich späterhin auch auf anderen Gebieten des Seelenlebens 
als gültig erweisen werden. 
I. Der Oaug der Arbeitscnrve. 
Die Frage nach den Schwankungen der geistigen Leistungen ist 
mir zuerst bei dem Bestreben nahe getreten, die Beeinflussung des 
Seelenlebens durch äußere Einwirkungen, insbesondere durch Gifte, 
zu messen. Bei solchen Versuchen zeigte sich nämlich, dass die 
Dauer einfacher psychischer Vorgänge an verschiedenen Tagen unter 
gleichen äußeren Umständen durchaus nicht die gleiche war. Ging 
daraus die Abhängigkeit der geistigen Thätigkeit von wechselnden 
inneren Bedingungen hervor, so musste mit der Möglichkeit gerech¬ 
net werden, dass sich Aenderungen auf diesem Gebiete auch schon 
im Laufe eines länger dauernden einzelnen Versuches heraussteilen 
könnten, die dannjrrthümlicher Weise als Giftwirkungen hätten ge¬ 
deutet werden können. Unter diesen Umständen erwies es sich als 
nothwendig, zunächst zu untersuchen, welchen Wandlungen die geistigen
        

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