Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zweiter Theil: Physiologie des Rückenmarks und Gehirns
Person:
Eckhard, C. Sigmund Exner
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36691/335/
Die Rindenfelder des Menschen. 
335 
Was auf diesem Wege bisher mit Sicherheit hat constatirt wer¬ 
den können, ist in Folgendem zusammengestellt.1 
I. Die nicht motorischen Rindenfelder des Menschen. 
Betrifft eine Läsion den Stirnlappen, Schläfelappen, oder den 
Hinterhauptslappen, so kann sie ohne jede Motilitätsstörung, ohne 
Sensibilitätsstörung und ohne Störung der geistigen Functionen ver¬ 
laufen. 
Es gehört hierher ein grosser Theil jener Fälle — wahrschein¬ 
lich alle, es ist dies nicht leicht mit Sicherheit zu constatiren — in 
welchen verhältnissmässig grosse Gehirnverletzungen keine dauern¬ 
den Störungen hervorgerufen haben. Einige solche sind oben ange¬ 
führt worden. 
Auch anderweitige Krankheitsfälle dieser Art liegen mehrere vor, 
von denen ich, die wichtigsten Rindenregionen betreffend, einige heraus¬ 
greife : Einer 2, in welchem der grösste Theil des linken Stirnlappens bis 
zum Gyrus centr. ant. zerstört war und keine anderen Symptome zeigte 
als allgemeine epileptiforme Anfälle, zum Theil an hysterische Krämpfe 
erinnernd und einigemale wiederholtes Erbrechen. Ein anderer, von 
Boyer3 publicirter Fall, betraf ein epileptisches4 Kind, an welchem 
keinerlei weitere nervöse Erscheinungen zur Beobachtung kamen. Bei 
der Section zeigte sich der ganze linke Schläfelappen zerstört. In einem 
dritten Falle hatten vom Schädeldach ausgehende Knochenwucherungen 
die Hirnrinde des rechten Lobul. pariet. sup. und des Gyr. occip. prim. 
1,5 Ctm. tief eingedrückt; im Leben war keinerlei Symptom, das auf 
eine Gehirnerkrankung hätte schliessen lassen.5 
Wenden wir unsere an Thieren gewonnenen Anschauungen auf 
diese und ähnliche Fälle an, so müssen wir sagen, dass zum min¬ 
desten in einem Theil derselben sensible Rindenfelder ohne irgend 
einen nachweisbaren Effect zerstört wurden. Es sind dies nicht etwa 
vereinzelte Fälle, sondern es gehört zu den Seltenheiten, dass bei 
Rindenläsionen gut nachweisbare Sensibilitätsstörungen auftreten.3 
1 Es soll nicht verschwiegen werden, dass es immer noch Autoren giebt, welche 
die Idee von der Localisation der Functionen in der Hirnrinde, speciell gestützt auf pa¬ 
thologische Befunde, von sich weisen. 
2 Charcot und Pitres , Rev. mensuelle de méd. et de Chirurg. 1878. pag. 810. 
Observ. XIX. 
3 Boyer. Bull, de la Soc. anat. p. 612. Paris Dec. 1877. 
4 Sowohl in diesem wie im ersten Falle hatte man es mit allgemeinen epilepti¬ 
schen Anfällen zu thun, die nicht mit solchen, welche sich auf bestimmte Muskelgrup¬ 
pen oder nur auf eine Seite beziehen, wie sie bei Erkrankung der motorischen Rinden¬ 
felder Vorkommen, verwechselt werden dürfen. 
5 Lebec, Progrès medical. 1877. p.-887. 
6 Hierher gehört ein von Hughlings-Jackson (Med. Times and Gaz. 5. Juni 
1875. p. 606) mitgetheilter Fall, in welchem eine übrigens auch motorische Störungen 
zeigende Frau die Empfindungstäuschung hatte, als läge sie mit dem Rücken imWasser.
        

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