Bauhaus-Universität Weimar

210 Sigmund Mayer. Spec. Nervenphysiologie. 1. Cap. Verschiedenheit der Nerven. 
Drüsensubstanz erhält wohl nur auf diesem Wege die Antriebe zu 
ihrer normalen Thätigkeit. In allen drei Bestandteilen des Ge- 
sammtapparates muss sich eine Reihe von specifischen Veränderun¬ 
gen vollziehen, deren letzter Ausdruck am Muskel Contraction, an 
der Driisensubstanz die Secretion darstellt. 
Wenn also zur Hervorbringung einer Ernährungsveränderung mit 
specifischem Charakter, als welche wir wohl Muskelcontraction und 
Drüsensecretion ansehen dürfen, die Mitwirkung der drei Bestand¬ 
teile des Gesammtapparates notwendig erscheint, so ist mit gutem 
Grunde anzunehmen, dass sie auch in demjenigen Zustande des Or¬ 
ganismus, in dem diese specifischen Ernährungsphänomene fehlen, 
eine Wechselwirkung auf einander ausüben. Diese Wechselwirkung 
braucht sich weder in willkürlicher Bewegung, noch in bewusster 
Empfindung, noch in Secretion, noch in sonst irgend sinnenfälligen 
Aenderungen am Organismus zu äussern, sondern einfach in einer 
bestimmten Regulirung ihres Stoffwechsels, in einem ganz bestimm¬ 
ten Verhältnisse zwischen Stoffverbrauch und Stofferneuerung. Das 
Endresultat dieser Wechselwirkung ist also nichts anderes, als was 
wir die normale Ernährung nennen, i. e. die Erhaltung 
einer bestimmten Form und einer bestimmten chemi¬ 
schen Zusammensetzung. 
Unter der Annahme, dass die unter dem Einflüsse des centralen 
Nervensystems stehenden Gebilde (Muskel, Drüsen) mit ersterem nicht 
allein eine functionelle, sondern auch eine nutritive Einheit bilden, 
ist es leicht erklärlich, warum im Nerven und Muskel Ernährungs¬ 
störungen sich ausbilden, wenn der normale Zusammenhang zwischen 
beiden gelöst wird. Nach einer derartigen Trennung verfällt jeder 
Theil, um mich so auszudrücken, seinem eigenen Schicksal, während 
die Zwecke des Organismus sein Schicksal eng mit demjenigen an¬ 
derer Apparate verknüpft hatten. Mit der Auflösung der Erregungs¬ 
einheit schwindet auch die nutritive Einheit. Die alsdann sich aus¬ 
bildenden Processe sind nicht sofort Atrophie, sondern vielmehr Al- 
lotrophie. Die Ernährungsprocesse in Nerven, Muskeln und Drüsen, 
die von ihren Centren getrennt werden, hören nicht auf, sondern 
werden nur in Bahnen gelenkt, die den Zwecken des Gesammt- 
organismus nicht mehr unterthan sind, grade so wie in functioneller 
Beziehung ein derartiger Muskel nur gelähmt ist für die normalen, 
den Zwecken des Organismus dienenden Bewegungen, im Uebrigen 
aber sowohl spontan sich bewegt (Lähmungsoscillationen) und auch 
für die künstlichen Reize (Elektricität), wenn auch in veränderter 
Weise, erregbar bleibt.
        

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