Bauhaus-Universität Weimar

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Heemann. Allg. Nervenphysiologie. 2. Cap. Die Erregung des Nerven. 
Zunächst leitet sich hieraus das Zuckungsgesetz in folgender 
Weise ab: Bei Strömen mittlerer Intensität, welche das Leitungsver¬ 
mögen des Nerven nirgends beeinträchtigen, muss jede Erregung an 
irgend einer Stelle des Nerven den Muskel zur Zuckung bringen; 
alle vier Fälle geben also Zuckung. Bei.starken Strömen ist während 
des Geschlossenseins die anelectrotonische Strecke, besonders die 
Stelle der Anode selbst, leitungsunfähig; unmittelbar nach der Oeff- 
nung dagegen leitet die Cathodengegend nicht (s. oben S. 49). Die 
Erregung kann also bei der Schliessung die Anode, bei der Oeffnung 
die Cathode nicht überschreiten. Hieraus folgt, dass starke auf¬ 
steigende Ströme keine Schliessungszuckung, starke absteigende keine 
Oeffnungszuckung geben können; erstere geben also nur Oeffhungs-, 
letztere nur Schliessungszuckung. Bei den schwächsten Strömen ist 
zwar wie bei mittleren die Bahn im ganzen Nerven frei, aber nur 
die wirksamsten Erregungsvorgänge machen noch Zuckung. Nun ist 
aber erstens, wie weiter unten erörtert werden wird, die Reizung der 
oberen Nervenstrecke wirksamer als die der unteren, zweitens macht 
Pflüger die Annahme, dass die Schliessungserregung an sich stärker 
ist als die Oeffnungserregung. Der erstere Umstand würde zur Folge 
haben, dass schwache aufsteigende Ströme am leichtesten Schliessungs¬ 
zuckung, schwache absteigende am leichtesten Oeffnungszuckung 
machen, der zweite dagegen bewirkt, dass beide Stromrichtungen am 
leichtesten Schliessungszuckung geben. Wie man sieht, kommen für 
den schwachen aufsteigenden Strom beide Einflüsse zusammen, so 
dass die Schliessungszuckung des aufsteigenden Stroms stets die erste 
Wirkung des Stromes ist. Für den absteigenden Strom aber begünstigt 
der Ort der Reizung die Oeffhungs-, die Natur der Reizung die 
Schliessungszuckung; letzterer Umstand trägt in der Regel den Sieg 
davon, zuweilen aber der erstere, wie wir oben gesehen* haben. 
Der Grund nun, warum die Schliessungserregung an der Cathode, 
die Oeffnungserregung an der Anode stattfindet, leuchtet ein durch 
die PFLüGER’sche Formulirung, dass eine Nervenstrecke erregt wird 
durch das Entstehen des Catelectrotonus und durch das 
Verschwinden des Anelectrotonus, nicht aber durch die ent¬ 
gegengesetzten Veränderungen. Erregung entsteht also durch die 
Entwicklung des Zustandes erhöhter Erregbarkeit und durch das 
Verschwinden des Zustandes verminderter Erregbarkeit, also beide 
Male durch plötzliche Steigerung der Erregbarkeit. Wenn auch diese 
Aufstellung von einer fundamentalen Erklärung noch weit entfernt 
ist (vgl. hierüber das 5. Cap.), so ist sie doch insofern befriedigend, 
als zum mindesten die beiden Fälle der Erregbarkeitssteigerung un-
        

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