Bauhaus-Universität Weimar

188 Hermann, Allg.Nervenphysiologie. 5. Cap. Theor.Erörter.d. Vorgänge im Nerven. 
nähme einer Zustandsänderung*, einer Bewegung im weitesten Sinne, 
welche successive ein Längenelement nach dem andern ergreift. Da 
nun die Ursache dieser Veränderung für jedes Theilchen in dem 
unmittelbar vorher erregten Theilchen liegt, so ist der Ausdruck 
„Reizung“ durch letzteres völlig am Platze. 
III. Moleculare Theorien der Nervenprocesse. 
Die unmittelbarsten Hoffnungen, die Erregungsleitung im Ner¬ 
ven erklären zu können, mussten sich, ähnlich wie beim Muskel 
(vgl. Bd. I. S. 245), an die du Bois’sche Moleculartheorie knüpfen. 
In zweifacher Hinsicht waren die Aussichten am Nerven anscheinend 
noch günstiger als am Muskel. Erstens fiel die Aufgabe fort, eine 
Ortsveränderung der Molekeln zu erklären; sie durften im Nerven 
feste Plätze behaupten, und es galt anscheinend nur, die Fortpflan¬ 
zung einer gewissen Stellungsveränderung jedes Theilchens aus irgend 
einem physicalischen Princip abzuleiten ; zweitens bot die Molecular¬ 
theorie des Electrotonus anscheinend schon ein solches Princip dar. 
du Bois-Reymond selbst hat keine Theorie der Nervenfunctio- 
nen ausgesprochen, und in der That musste jede eingehende Prü¬ 
fung zeigen, dass mit einfachen galvanischen Theoremen hier nichts 
anzufangen war. Manche haben zwar geglaubt1 2, die Fortpflanzung der 
Erregung mit der der electrotonischen Molekeldrehung identificiren 
zu können; allein unzählige Gründe lassen sich hiergegen anführen, 
selbst mit Anerkennung der molecularen Theorie des Electrotonus, 
und sind auch schon grösstentheils von du Bois-Reymond 2 selbst 
nachdrücklich hervorgehoben worden. Vor Allem ist der Electro¬ 
tonus eine mit der Entfernung von der Reizstelle rasch abnehmende 
Erscheinung, während die Erregung in unveränderter Grösse den 
Nerven durchläuft; zweitens ist die Ausbreitung des Electrotonus 
ein ungleich schnellerer Vorgang als die Fortpflanzung der Erregung; 
drittens und vor Allem ist nicht abzusehen, wie mechanische, ther¬ 
mische, chemische Reize Electrotonus herbeiführen sollen u. dgl. m. 
Die Untersuchungen Pflüger’s brachten den auf die Molecular¬ 
theorie gegründeten Speculationen weitere Schwierigkeiten. Der 
Electrotonus bestätigte sich freilich als das Zwischenglied zwischen 
dem erregenden Strome und der Erregung selbst, und der Ausspruch 
du Bois-Reymond’s (a. a. 0.): „galvanische Reizung ist uns nichts 
mehr als die erste Stufe der Electrolyse eines Nerven “, erhielt glän¬ 
zende Bestätigung. Aber unerklärbar für die Moleculartheorie war es 
1 Vgl. z. B. Funke, Lehrb. d. Physiologie. 4. Aufl. I. S. 859. Leipzig 1863. 
2 du Bois-Reymond, Untersuchungen II. 1. S. 385 f.
        

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