Bauhaus-Universität Weimar

182 Hermann. Allg. Nervenphysiologie. 4. Cap. Erscheinungen am Nerven selbst. 
genöthigt, sich weit im Bindegewebe des Nerven auszubreiten; indem er 
gleichsam den schlechtleitenden Faserinhalt umgehe ; Unterbindung durch¬ 
breche letzteren und schaffe so dem Strom eine directere Abgleichung. 
Die Zunahme des Anelectrotonus und die Abnahme des Catelectrotonus 
wird dann durch electrolytische Abscheidungen an der Oberfläche der 
Markscheide erklärt. Abgesehen davon, dass jene Annahme über die 
schlechtleitende Beschaffenheit des Faserinhalts durchaus keine thatsäch- 
liche Grundlage hat (nicht einmal den Unterschied des Quer- und Längs¬ 
widerstands hatte Grünhagen nachgewiesen), ist die Theorie leicht zu 
widerlegen. Wenn ein Theil des Nerven aus schlechtleitenden Fäden 
besteht, so kann dies nur die Dichte des Stromes im gutleitenden Theil 
vermehren, zu einer grösseren seitlichen Ausbreitung ist aber kein Grund ; 
dies empfindend meinte Grünhagen, der künstliche Querschnitt biete eine 
gute Abgleichung und diese aufsuchend müsse sich der Strom longitudinal 
ausbreiten; allein der Electrotonus erscheint ebensogut wenn der künst¬ 
liche Querschnitt fehlt, oder soweit entfernt ist, dass in seiner Nähe gar 
keine electrotonischen Stromzweige mehr nachweisbar sind. Ein noch ver¬ 
nichtenderer Einwand ist, dass die electrotonischen Stromzweige nach 
dieser Theorie an der von den Electroden abgewandten Längshälfte des 
Nervencylinders entgegengesetzte Richtung haben müssten als der pola- 
risirende Strom.1 Endlich müsste Verkürzung des Nerven den Electro¬ 
tonus verstärken, was nach Goldzieher2 nur selten und schwach, und 
beim Abschneiden jenseits der polarisirenden Electroden nie der Fall ist ; 
hier tritt im Gegentheil Schwächung ein (nach der oben vorgetragenen 
Theorie ist dies Resultat gut erklärbar). Grünhagen glaubte für seine 
Theorie die oben S. 180 angeführte Thatsache geltend machen zu können, 
dass Verbesserung der Leitung zwischen durchflossener und abgeleiteter 
Strecke den Electrotonus verstärkt; indess lässt sich zeigen, dass diese 
Thatsache eine notliwendige Folge der allgemeinen Potentialgesetze ist 
und sich mit jeder Theorie des Electrotonus vereinigen lässt.3 Nach 
der Veröffentlichung meiner Theorie hat Grünhagen 4 Veränderungen an 
der seinigen angebracht, z. B. nunmehr dem Inhalt der Faser im Gegen¬ 
theil besseres Leitungsvermögen als der Hülle zugeschrieben; 
den bedingenden Einfluss der Polarisation bestreitet er nach wie vor.4 
Die cataphorischen Wirkungen des Stromes am Nerven sind von 
H. Munk studirt und zur Erklärung gewisser mit dem Electrotonus zu¬ 
sammenhängender Erscheinungen, aber nicht zu einer Theorie des Elec¬ 
trotonus verwendet worden (vgl. oben S. 46, und das 5. Capitel). 
Anhang über die mathematische Theorie des Electro¬ 
tonus. H. Weber5 hat die Stromausbreitung in Cylindern mit polarisir- 
barem Kerne einer mathematischen Untersuchung unterworfen, welche 
sowohl den Fall eines relativ sehr gut leitenden (metallischen) Kernes, 
1 Vgl. hierüber Hermann, Untersuchungen zur Physiologie der Muskeln und 
Nerven HI. S. 34. Berlin 1868; Arch. f. d. ges. Physiol. IV. S. 336. 1872. 
2 Goldzieher, ebendaselbst in. S. 240. 1870. 
3 Vgl. Hermann, ebendaselbst VII. S. 308. 1873. 
4 Grünhagen, Die electromotorischen Eigenschaften lebender Gewebe S. 85. 
Berlin 1873; Arch. f. d. ges. Physiol. VIH. S. 519. 1873; Hermann, ebendaselbst IX. 
S. 34. 1874. 
5 H. Weber, Borchardt’s Journ. f. Mathematik LXXVI. S. 1. 1872.
        

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