Bauhaus-Universität Weimar

Ermüdung und Erholung. Einfluss der Uebung. 
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untere Nervenstrecke und der Muskel schnell, wie man bei unten 
angebrachten Reizungen sieht, die durch directe Reizung ermüdete 
Strecke bleibt aber lange für höhere Reizung undurchgängig ; sie 
erholt sich in einer anfangs langsam, dann steiler, endlich wieder 
langsamer ansteigenden Curve (d. h. letztere ist zuerst convex, dann 
concav gegen die Nulllinie und schliesst sich endlich asymptotisch 
einem Maximum an). War die Reizung zu heftig oder zu anhaltend, 
so bleibt die Erholung aus; man ist dessen sicher, wenn sie (am 
Froschnerven) in der ersten halben Stunde nicht eintritt. Ganz ähn¬ 
liche Versuche wurden auch an sensiblen Nerven, unter Beobachtung 
der Reflexe angestellt. Man darf aber nicht übersehen, dass diese 
Ergebnisse nur die direct erregte Nervenstelle betreffen; da der Nerv 
eigenlich nur indirect erregt arbeitet, so ist die Ermüdung durch 
blosse Leitung von grösserem Interesse, diese aber noch nicht unter¬ 
sucht. Es -wäre denkbar, dass alle Ermüdungserscheinungen im 
Normalzustände nur auf Ermüdung der mit dem Nerven verbundenen 
Organe, und nicht auf Ermüdung der vermittelnden Faser selbst 
beruhen. 
J. Ranke1 hat versucht, seine einseitige Theorie der Muskelermüdung 
(s. Bd. I. S. 123 f.) auf den Nerven zu übertragen. Er nennt erregbarkeits- 
deprimirende Stoffe „ ermüdende “, sobald Grund ist, dieselben zugleich als 
Stoffwechselproducte des Nerven zu betrachten, z. B. Kohlensäure, freie 
Säuren. Indess wird sich im 4. Capitel zeigen, dass die Production dieser 
Substanzen im Nerven noch keineswegs nachgewiesen ist, so dass eine 
chemische Ermüdungstheorie des Nerven verfrüht erscheint. Wir haben 
deshalb jene sogenannten ermüdenden Einflüsse einfach als erregbarkeits- 
deprimirende im 2. Capitel berücksichtigt. Auch Bernstein identificirt 
Schädigung der Erregbarkeit mit Ermüdung, jedoch aus dem Grunde, 
weil nach solchen Schädigungen, z. B. durch galvanische Durchströmung, 
mechanische und chemische Mittel, Temperaturen zwischen 40 und 50°, 
die Erholung in ähnlicher Curve erfolgt wie nach wirklicher Ermüdung. 
Vielleicht ist dann auch die Curve, in welcher ein Nerv in Folge con- 
stanter Durchströmung seine Erregbarkeit einbüsst, mit der Ermüdungs- 
eurve identisch, welche nicht direct dargestellt werden kann (wegen der 
Ermüdung des Muskels); Bernstein fand jene Curve anfangs convex und 
dann concav gegen die Abscisse abfallend, also von grade entgegenge¬ 
setztem zeitlichen Verlauf als die Erholungscurve. 
Die Frage, ob Thätigkeit zur Erhaltung des Nerven (wie zu 
der des Muskels) unentbehrlich ist, wird wie mir scheint in den 
Lehrbüchern mit viel zu grosser Bestimmtheit bejahend beantwortet. 
Diese Frage lässt sich begreiflicherweise nur an den centralen Ab¬ 
schnitten durchschnittener sensibler Fasern entscheiden. Diese de- 
1 J. Ranke, a. a. O. S. 72, 97,120 etc.
        

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