Bauhaus-Universität Weimar

Theoretische Bemerkungen. 
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X. Theoretische Bemerkungen. 
Beim lückenhaften Zustand unserer Kenntnisse, insbesondere beim 
Mangel jedes näheren Einblickes in die chemischen Vorgänge, welche 
sich in den Zellen und Cilien abspielen, lassen sich zu einer Theorie 
der Flimmerbewegung einstweilen nur einzelne Bausteine liefern. 
Wie beim Protoplasma ist die Betrachtung wesentlich auf eine nähere 
Zergliederung der sichtbaren mechanischen Vorgänge angewiesen. In 
dieser Beziehung mögen folgende kurze Bemerkungen genügen.1 
Im Wesentlichen lassen sich, wie dies von vornherein auch ge¬ 
fordert werden muss, die bezüglich der Protoplasmabewegung ent¬ 
wickelten Vorstellungen auch hier anwenden. Man hätte demnach 
anzunehmen, dass die Flimmerbewegung in allen Fällen durch Form¬ 
veränderungen kleinster in den Cilien selbst enthaltener Elemente 
hervorgebracht werde. Diese kleinsten Elemente (Inotagmen), denen 
im Ruhezustand eine gestreckte, während der Contraktion eine mehr 
der Kugelform genäherte Gestalt zuzuschreiben wäre, müssten in 
fester Anordnung zusammengefügt und zwar alle in gleichem Sinne 
orientirt, mit ihren langen Axen der Axe der Cilien parallel ge¬ 
lagert sein. 
Eine solche Anordnung könnte xschon durch einfache Flächenan¬ 
ziehung der Elemente bei hinreichend geringer Menge des intertegma- 
tischen Wassers erhalten werden. In der That sieht man ja oft infolge 
von Wasserentziehung hyalines Protoplasma sich in feinste Wimpern 
ausbilden oder fibrillär zerklüften (vgl. Capitel Protoplasmabewegung 
IV. 6). 
Die Formveränderungen der ein Wimperhaar constituirenden 
Inotagmen müssten in gesetzmässiger Reihenfolge stattfinden, im All¬ 
gemeinen von der Basis nach der Spitze zu fortschreitend — ent¬ 
weder geradlinig, auf einer oder abwechselnd auf Vorder- und Rück¬ 
fläche des Haares: hakenförmige und wellenförmige Bewegung, oder 
in einer Spiraltour: trichterförmige Bewegung. 
Die nächste Ursache der Formveränderungen der Inotagmen würde 
wiederum in Aenderungen des Quellungszustandes derselben zu suchen 
sein, die Veranlassung dieser, d. i. der physiologische Reiz, in letz¬ 
ter Instanz in molekulären Vorgängen unbekannter Art, welche pe¬ 
riodisch im Zellprotoplasma oder (bei den automatisch beweglichen 
Cilien, vieler Samenfäden z. B.) in der Substanz der Cilien selbst 
1 Vgl. auch Jenaiscbe Ztscbr. IV. S. 456—478.1868, sowie die oben in den ein¬ 
zelnen Capiteln eingestreuten theoretischen Bemerkungen.
        

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