Bauhaus-Universität Weimar

Nervenendigung im Muskel. Theorien über dieselbe. 
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Annahme, dass die Platte im Augenblick der Erregung Sitz einer zu 
ihrer Fläche senkrechten electromotorischen Kraft würde, eine Schwie¬ 
rigkeit darin, dass sie dann die ihrem Rücken benachbarte Muskel¬ 
faser anscheinend ebensogut erregen müsste wie die, in welcher sie 
liegt1 ; Sachs 2 behauptet aber, dass eine erregte Nervenfaser aus¬ 
schliesslich die von ihr versorgte Nervenfaser in Zuckung versetzt. 
Man müsste also die electromotorische Anordnung sich so denken, 
dass Ströme nur zwischen Puncten der Sohlenfläche auftreten, womit 
freilich die unmittelbare Analogie mit der electrischen Platte schon 
aufgegeben wäre.1 3 4 Nach Beseitigung einiger anderen Einwände gegen 
den vorliegenden Gedanken kommt du Bois-Reymond zu dem Resul¬ 
tat, dass die Entladungshypothese nicht widerlegt ist, findet es aber 
wahrscheinlicher, dass die negative Schwankung des Nervenstroms 
an der Erregung der Muskelfaser betheiligt ist, eine Vermuthung, 
welche er als „modificirte Entladungshypothese“ bezeichnet. 
In der That ist nun die letztere nichts Anderes als ein speeieller 
Fall des schon 1872 von mir angedeuteten Princips, dass die electro¬ 
motorischen Erscheinungen, welche mit der Erregung verbunden sind, 
zur Weiterleitung der Erregung (und zur Beruhigung der erregten 
Theile selber) in innigster Beziehung stehen, und hierin die eigent¬ 
liche Bedeutung der thierischen Electricität liegt. Wenn wirklich 
jeder Nervenfaser- und Muskelfaserquerschnitt den Nachbarquerschnitt 
durch die oben angedeuteten Strömchen erregt, so wird höchstwahr¬ 
scheinlich etwas Aehnliehes auch an der Uebergangsstelle zwischen 
Nerven- und Muskelinhalt stattfinden, und man darf vermuthen, dass 
diese Uebergangsstelle so eingerichtet ist, dass sie jenen Vorgang zu 
besonders ergiebiger Wirksamkeit ausbildet. Jede speciellere Hypo¬ 
these wäre aber verfrüht. 
Engelmann schreibt, wie schon oben (S. 23) erwähnt, die Fort¬ 
leitung der Erregung im Muskel ausschliesslich der isotropen Substanz 
zu, welche demnach gleichsam die Function des Nerven innerhalb der 
Muskelfaser fortsetzt ; Gerlach 4 hat sogar eine wirkliche morphologische 
Fortsetzung der Nervensubstanz innerhalb der ganzen Muskelfaser be- 
1 Indessen scheint mir der Umstand, ob Sarcolemm zwischenliegt oder nicht, 
doch nicht so ganz irrelevant, zumal da Sachs für stärkere Reize die Möglichkeit zu- 
giebt dass auch Nachbarfasern mitzucken. 
2 Sachs, Arch. f. Anat. u. Physiol. 1874. S. 57. 
3 Krause hat später (Arch. f. microsc. Anat. XIII. S. 170. 1876) darauf aufmerk¬ 
sam gemacht, dass die Endplatte ihre Muskelfaser theilweise umgreift und dadurch zu 
ihr eine andere galvanische Beziehung erlangt als zu den ihrem Rücken anliegenden 
Fasern. Ygl. auch Kühne, Untersuchungen d. physiol. Instit. zu Heidelberg IL S. 210. 
1878 ; Tschirjew, Arch. f. Anat. u. Physiol. 1878. S. 137. 
4 Gerlach, Das Verhältniss der Nerven zu den willkürlichen Muskeln der Wir- 
belthiere. Leipzig 1874; Arch. f. microsc. Anat. XHI. S. 399. 1876. 
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