Bauhaus-Universität Weimar

240 Hermann, Allg. Muskelphysik. 8. Cap. Galvanische Erscheinungen am Muskel. 
von Quersckichten, die sämmtlich in verschiedenen Stadien des Absterbens 
sind, und dadurch electromotorisch auf einander wirken, auf einander 
folgen; indess ist dies eine blosse Möglichkeit.1 Viel leistungsfähiger in 
Bezug auf Erklärung der schwachen Längsschnittsströme ist der Umstand, 
dass die electrotonische Polarisation an der Grenze von Inhalt und Hülle 
einen starken Einfluss auf die Spannungsvertlieilung am Längsschnitt, im 
Sinne der zu erklärenden, ausübt; der ganze Längsschnitt ist in einem 
von der Kette am Querschnitt herrührenden Catelectrotonus. Näheres 
kann aber erst bei der Theorie des Electrotonus, im 2. Bande, angegeben 
werden. 
5. Angaben über die Natur der electromotorischen Kräfte im Muskel. 
Man muss sich beim jetzigen Standpunct unserer Kenntnisse begnü¬ 
gen, den Sitz der electromotorischen Kraft im Muskel festzustellen; selbst 
die Angabe, dass sie vom Contact zweier Substanzen oder Substanzzu¬ 
stände herrührt, sagt noch gar Nichts über die Natur der Kraft. Einige 
Autoren haben indess über letztere Vermuthungen geäussert, zum Theil 
sogar ohne ihren Ort zu ermitteln oder zu berücksichtigen. Am häufigsten 
ist vermutket worden, dass die Kräfte chemischen Ursprungs seien, na¬ 
mentlich von Säure-Alkaliketten herrühren. Liebig2 sah eine solche zwischen 
dem alkalischen Blut und dem vermeintlich sauren Muskelsaft; eine Com¬ 
mission der Pariser Academie3 spricht von einem äusseren chemischen 
Gegensatz; J. Ranke4 geht sogar soweit die du Bois’schen Molekeln für 
kleine Säure-Alkaliketten zu halten. Seit der Entdeckung der Säurung 
beim Absterben und bei der Thätigkeit hätte es mehr Wahrscheinlichkeit 
als alle genannten Ideen, die Alterationstheorie auf eine Säure-Alkalikette 
zurückzuführen. Indess sprechen zahlreiche Gründe gegen eine solche 
Annahme, vor Allem die grosse Geschwindigkeit der Stromentwicklung 
bei Verletzung und Reizung, mehr noch die Kraft der Muskelströme, 
welche nach du Bois-Reymond5 grösser ist als die der stärksten Säure- 
Alkalikette; selbst das ist noch nicht einmal sicher, dass die Richtung 
des Stromes zu dieser Theorie stimmt, und ob es überhaupt eigentliche 
Ketten dieser Art giebt.6 Unklar und unzureichend sind auch die Zu¬ 
rückführungen des Muskelstroms auf sog. capillar - electrische Erschei- 
1 Gegen dieselbe scheint zu sprechen, dass beim Erwärmen einer Muskelstrecke 
dieselbe erst dann negativ wird, wenn die Erstarrungstemperatur erreicht ist ; vorher 
wird sie im Gegentheil positiv (vgl. Heemann, Arch. f. d. ges. Physiol. III. S. 39. 1870, 
IV. S. 163. 1871 ; s. auch oben S. 196). 
2 Liebig, Chemische Untersuchung über das Fleisch etc. S. 83. Heidelberg 1847. 
3 Bericht von Pouillet, Compt. rend. XXXI. p. 42.1850; Ueb er Setzung im Arch, 
f. physiol. Heilk. 1850. S. 671. 
4 J. Ranke, Die Lebensbedingungen der Nerven S. 141. Leipzig 1868. Derselbe 
Autor hat auch für die negative Schwankung die Theorie bereit, dass sie auf Schwä¬ 
chung des Stromes durch Milchsäure beruhe; vgl. Centralbl. f. d. med. Wiss. 1865. 
S. 19, und a.a.O. 
5 du Bois-Reymond. Arch. f. Anat. u. Physiol. 1867. S. 467, 480. (Ges. Abh. II, 
S. 273,283.) 
6 Vgl. Woem Müllee, Untersuchungen über Flüssigkeitsketten I. Leipzig 1869.
        

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