Bauhaus-Universität Weimar

214 Hermann, All g. Muskelphysik. 8. Cap. Galvanische Erscheinungen am Muskel. 
Pall muss der auftretende Actionsstrom der algebraischen Summe 
der Erregungen an beiden Ableitungsstellen entsprechen. Es wird 
also ein Actionsstrom auftreten müssen, der im Muskel gerichtet ist 
von der Ableitungsstelle, an welcher die Erregungswellen stärker 
sind, zu der an welcher sie schwächer anlangen. Bei indirecter Rei¬ 
zung wird also jede Muskelhälfte im Allgemeinen einen atterminalen 
Actionsstrom zeigen müssen, der vom Decrement der Erregungswelle 
herrührt. Ein solcher Strom ist aber in der That vorhanden (vgl. 
oben S. 205). Am Gastrocnemius ist aus dem oben bezeichneten 
Grunde auch bei Ableitung von beiden Enden der atterminale Strom 
der unteren Faserhälfte vorwiegend, d. h. ein absteigender Actions¬ 
strom vorhanden. Ist das Ende mit künstlichem Querschnitt versehen, 
so ist der atterminale Strom natürlich besonders stark, weil die alge¬ 
braische Summe gleich den vollem Betrag der abterminalen Phase ist. 
Ob wirklich ein Decrement der Erregungswelle vorhanden sei, 
ist neuerdings Gegenstand der Controverse gewesen. Das Decrement 
ist zuerst von mir zur Erklärung der atterminalen Actionsströme beim 
Tetanus unversehrter Muskeln vermuth et, dann von Bernstein durch 
den oben S. 209 angeführten Versuch nachgewiesen worden, du 
Bois-Reymond bezweifelte dessen Beweiskraft, und stellte einen an¬ 
deren, zuerst von mir angegebenen Versuch an1: Er tetanisirte einen 
curarisirten Muskel an einem Ende und leitete von zwei symmetrisch 
gerichteten Längsschnittspuncten ab ; ist ein Decrement vorhanden, 
so muss ein von der dem Reiz näheren zur ferneren Längsschnitts¬ 
stelle gerichteter Actionsstrom auftreten. Einen solchen giebt nun 
du Bois-Reymond nur für den ermüdeten und absterbenden Muskel 
zu, während ich ihn an jedem frisch präparirten Muskel finde.2 Sollte 
also das Decrement auf einem abnormen Zustand des Muskels be¬ 
ruhen (was sich später wirklich gezeigt hat, s. unten), so besitzt 
jeder frisch ausgeschnittene Muskel schon diese Abnormität, und es 
steht also nichts im Wege, alle atterminalen tetanischen Actions¬ 
ströme als decrementielle zu erklären. 
Letztere Erklärung bestätigt sich aber weiter noch in folgenden 
wichtigen Thatsachen. Vor Allem fragt es sich, ob sich nicht der 
Sitz der electromotorischen Kraft der Actionsströme unversehrter 
Muskeln feststellen lässt, du Bois-Reymond verlegte denselben auf 
Grund einer weiter unten zu erörternden Theorie, an das „parelec- 
tronomische“ Faserende, während, wenn die Kraft im Decrement 
1 Hermann, Untersuchungen III. S. 61. Anm. Berlin 1868; du Bois-Reymond, 
Arch. f. Anat. u. Physiol. 1876. S. 364, 369. (Ges. Abh. II. S. 584, 588.) 
2 Hermann, Arch. f. d. ges. Physiol. XVI. S. 194. 1877.
        

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