Bauhaus-Universität Weimar

Auftreten und Lösung der Leichenstarre. 
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Die Leichen kaltblütiger Thiere erstarren unter sonst gleichen 
Umständen später als die warmblütiger, meist erst nach 1—2 Tagen. 
Wärme beschleunigt im Allgemeinen den Eintritt der Starre sowohl, 
als deren Lösung durch Fäulniss; jedoch ist dieser Einfluss soweit 
er den Eintritt betrifft gering, und bedarf weiterer Untersuchung, da 
z. B. in kaltes Wasser versenkte Leichen meist schnell erstarren. Nach 
Sommer ist innerhalb des Bereichs von 12—22° R. (15—27 V20 C.) 
kein Einfluss der Temperatur vorhanden. 
Die Angabe dass zuweilen die Starre ganz ausbleibe (z. B. bei 
Tod durch Blitzschlag), hat sich nicht bestätigt; vermuthlich handelte 
es sich in solchen Fällen um ungewöhnlich schwache Starre oder sehr 
frühzeitige Fäulniss ; Brown-Séquard 1 meint, dass die Erschöpfung 
der Muskeln durch die enorme electrische Reizung beim Blitzschlag 
den Eintritt und das Schwinden der Starre so beschleunigen kann? 
dass sie unbemerkt bleibt. Er stellt den Satz auf, dass die Starre 
um so später eintritt, je erregbarer die Muskeln im Augenblick des 
Todes waren. 
Die Ursache der Todtenstarre liegt in den Muskeln. Dieselben 
verkürzen sich, wie unten ausgeführt wird, und machten dadurch die 
Gelenke steif, etwa als wären die Muskeln tetanisirt. Leichtere Ge¬ 
bilde werden dadurch in eine neue Lage gebracht, z. B. der Unter¬ 
kiefer angezogen, die Finger eingeschlagen, der Daumen meist zuerst, 
daher unter den andern. Schwerere Gliedmassen erstarren im All¬ 
gemeinen in der Lage, die sie beim Eintritt des Todes hatten, oder die 
ihnen vor Eintritt der Starre künstlich ertheilt wurde; aber es wer¬ 
den auch wegen der ungleichen Kraft der Antagonisten leichte Lage¬ 
veränderungen durch die Starre selbst hervorgebracht, z. B. der Unter¬ 
arm bei intensiver Starre etwas flectirt. So sind auch wegen der 
grösseren Kraft der Beuger die starren Extremitäten leichter gewalt¬ 
sam zu beugen als zu strecken. Durchschneidung der Muskeln hebt 
die Steifigkeit sofort auf, beziehungsweise macht Durchschneidung 
der Beuger die Streckung, u. s. w. widerstandsfrei. 
Nach gewaltsamer Bewegung todtenstarrer Glieder können sich, wenn 
die Starre noch nicht ihre Höhe erreicht hat, nach Sommer (a. a. 0. p. 196) 
die gestreckten Muskeln noch einmal contrahiren.1 2 3 Brown-Séquard 3 konnte 
diese Wiederherstellung der Starre mehrmals hintereinander erzeugen, 
doch erfordert sie immer längere Zeit, und eine gewisse Zeit nach dem 
Tode (1—12 Stunden bei Kaninchen und Hunden) gelingt sie überhaupt 
nicht mehr. 
1 Brown-Séquard, Journ. d. 1. physiol. 1861. p. 266. 
2 Nysten (a. a. 0. p. 401) hatte dies ausdrücklich in Abrede gestellt. 
3 Brown-Séquard, Journ. d. 1. physiol. 1858. p. 281.
        

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