Bauhaus-Universität Weimar

168 Grützner, Physiologie der Stimme und Sprache. 6. Cap. Die Yocale. 
Hand in Hand mit diesem Versuch geht ein zweiter, der dahin zielt, 
geradezu die Dichtigkeit des Gaumensegelverschlusses zu prüfen. Er be¬ 
steht darin, Flüssigkeit (am besten lauwarme Milch nach Passavant) in 
die Nasenrachenhöhle zu füllen und zu beobachten, bei welcher Vocal- 
stellung die Flüssigkeit abfliesst. Es ergiebt sich das entsprechende Re¬ 
sultat, dass bei I der Verschluss am festesten ist, bei A aber die Flüssig¬ 
keit in den Mund stürzt. Passavant zeigte indess, dass man ein geringes 
Durchsickern der Flüssigkeit, die nur die hintere Rachenwand benetzt, 
überhaupt nicht fühlt, dass also, auch wenn der Verschluss dicht scheine, 
er es doch nicht ist. Dasselbe lehrte kürzlich Pienazek auf directem 
Wege vermittelst des Rhinoskopes, indem er sich davon überzeugte, dass 
auch bei allen nicht nasalirten Vocalen trotz deutlicher Hebung des Gau¬ 
mensegels ein Spalt zwischen diesem und der Rachenwand übrig blieb, 
der am weitesten bei A, weniger breit bei Ä und am geringsten bei E, 
J, 0 und U war. Sobald man jedoch die Vocale nasalirt, wird 
das Gaumensegel so gut wie gar nicht gehoben, der Ein¬ 
gang in die Nasenhöhle ist frei, der in die Mundhöhle be¬ 
schränkt. 
Die verschiedenen Vocale lassen sich nun verschieden gut nasa- 
liren. Am besten wird nasalirt das O, A, A, E, weniger gut das J 
und so gut wie gar nicht das U. Das liegt nicht sowohl in der 
Schwierigkeit der Bildung ; denn es ist für uns kaum schwerer, die 
Gaumenklappe offen zu halten, wenn wir U, als wenn wir 0 sagen, 
die Schwierigkeit ist eine rein akustische und liegt in Folgendem. 
Wenn wir U mit offener Gaumenklappe sprechen, so sind zwei Fälle 
möglich, entweder wir versetzen die Luft in den Nasenhöhlen in 
starke Resonanz — wie wir das oben (siehe S. 123) bei dem ge- 
näselten M thaten —, dann verliert das U seinen eigenthümlichen Vo- 
calklang und wird einem 0 ähnlich, oder wir versetzen sie in geringere 
Resonanz —, wie wir dies bei -der Bildung des gewöhnlichen M, 
beim Brummen mit geschlossenem Munde thun —, dann bleibt das 
U ein gewöhnliches U und hat so wenig wie das M einen nasalen 
Beiklang. Aehnliches, nur in umgekehrtem Sinne gilt vom J. Spre¬ 
chen wir dieses bei offener Gaumenklappe, so wird dem J klang durch 
die Resonanz in der Nasenhöhle eine Reihe von Obertönen beige¬ 
mischt, die das J einem A nähern und dies desshalb, weil die Nasen¬ 
höhlen zu gross sind, um die für ein spitzes J charakteristischen hohen 
Obertöne zur Entwicklung zu bringen. 
Betreffend die nasalirten Vocale des Französischen, wie in den Wör¬ 
tern un, on, dans u. s. w., sei bemerkt, dass diese Wörter — wenigstens 
Inauguraldissertation. Königberg 1876), welcher das Gaumensegel in Folge opera¬ 
tiver Eingriffe direct beobachten konnte, und Lucae (Arch. f. Physiol. S. 179. Leip¬ 
zig 1878), der es sich durch Spiegelung sichtbar machte. Bei mir steht das Gau¬ 
mensegel wie bei Czermak während der J articulation am höchsten.
        

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