Bauhaus-Universität Weimar

166 Grützner, Physiologie der Stimme und Sprache. 6. Cap. Die Vocale. 
geht nach vorn über in eine massig weite Spalte, die zwischen dem 
harten Gaumen und den mittleren Theilen der Zunge gelegen ist und 
durch die vorgestülpten Lippen verlängert wird. 
Der hintere Hohlraum ist auf f', der vordere auf eis"' abge¬ 
stimmt. 
2) Das E< (Lepsius), Ô (Sievers). 
Kehrt sich wieder das Verhältniss um und schiebt sich also die Zunge 
nach hinten, so dass der Kehlraum verschwindet, wie beim 0 oder U, 
sind dagegen die Lippen in die Breite gezogen, wie beim E oder Ä, so 
erhalten wir, analog dem «L von Lepsius, jetzt den zweiten Vermittlungs- 
vocal zwischen E und 0, das E,. von Lepsius. Dieser Laut findet sich 
nach Sievers in der esthnischen, nach Lepsius in der rumänischen 
Sprache vor. 
4. Der unbestimmte Vocal von Lepsius und die unvollkommene Bildung 
der Vocale. 
Lepsius 1 hat die Zahl der Vocale noch um einen vermehrt, indem 
er zu den von uns eben charakterisirten noch den sogenannten unbestimm¬ 
ten Vocal hinzufügte. Dieser stellt gewissermassen, wenn wir die Vocal- 
klänge mit den Farbentönen vergleichen, ein neutrales Grau dar ; keinem 
der Vocale soll er besonders ähnlich sein und sich von allen gleich sehr 
unterscheiden, sowie auch im neutralen Grau keine der Spectralfarben 
heraustreten darf. Nichtsdestoweniger scheint er am meisten dem kurzen 
Ö verwandt, wie es im Deutschen in lieben, Verstand; im Französischen 
in sabre, tenir, im Englischen in nation, but etc. gehört wird. 
Wie aber Brücke in seinen bekannten Grundzügen scharfsinnig aus¬ 
führt, ist man strenggenommen nicht berechtigt, von einem unbestimmten 
Vocale zu sprechen. Es zeigt sich vielmehr, dass er sich bei genauerer 
Betrachtung entweder in einen dem Ö, Ä oder 0 ähnlichen Laut auflöst, der 
uns vorzugsweise desshalb unbestimmt erscheint, weil er gewöhnlich kurz 
und ohne besonderen Accent angegeben wird. In Folge dessen bietet die 
Mundstellung, die für jeden Vocal bestimmend ist, gewissermassen nur 
eine Uebergangsperiode dar, die ebenso schnell vergeht, als sie aus einer 
anderen entstanden ist. 
Mit dem unbestimmten Vocal einigermassen verwandt ist jeder so¬ 
genannte unvollkommen gebildete Vocal, bei dessen Bildung, wie 
Brücke sich ausdrückt, nicht alle Mittel in Gebrauch gezogen werden, 
welche die menschlichen Sprachwerkzeuge darbieten, um den Vocallaut 
deutlich unterscheidbar und klangvoll hervortreten zu lassen. Diese Be¬ 
zeichnung ist aber eine durchaus relative ; denn, wenn wir von den drei 
Grundvoealen A, I, U absehen, ist jeder der übrigen Vocale ebenso voll¬ 
kommen gebildet, wie der andere. Es entscheidet da nur der Gebrauch, 
welche akustischen Eigenschaften wir eben dem einen oder anderen Zwi- 
sclienvocal beilegen. Unvollkommen gebildet erscheinen uns Deutschen 
1 Lepsius, Das linguistische Alphabet. Berlin 1855.
        

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