Bauhaus-Universität Weimar

Theorie der Vogelstimme. Ansicht von Savart und Joh. Müller. 143 
die Obertöne des Grundtones auftreten, während das allmähliche Aufsteigen 
in der Tonleiter lediglich durch Verkürzung der Luftröhre erzeugt wer¬ 
den könne. Es ist vielmehr bekannt, dass auch der erstere Umstand ein 
ganz allmähliches Aufsteigen zur Folge hat. 
In ähnliche Widersprüche ist auch Savart gerathen. Obwohl er de 
facto den Kehlkopf der Vögel mit einer membranösen Zungenpfeife ver¬ 
gleicht, deren Wandungen ebenfalls membranös sind, so kann er sich 
doch nicht dazu entschlossen, ihn theoretisch dafür zu erklären. Er 
äussert sich hierüber folgendermassen : Man macht sich von dem Kehl¬ 
kopfe der Vögel und der Art seines Tönens am besten eine Vorstellung 
an folgendem Kinderspielzeug. Nimmt man einen hohlen Stengel irgend 
einer Pflanze, fasst ihn zwischen die Lippen, indem man ihn leicht zu¬ 
sammendrückt, und treibt Luft durch ihn, so entsteht, indem zu gleicher 
Zeit die Wände des Rohres in heftige Erzitterungen gerathen, ein tiefer 
Ton. Durch verschieden starken Luftanspruch kann man den Ton eines 
solchen Stengels, falls derselbe sehr kurz ist, um eine Quart bis eine 
Quint erhöhen. 
Hierauf folgt die Erklärung der Vorgänge an diesem akustischen 
Apparat. Mit Recht führt Savart die Entstehung des Tones zurück auf 
die Bewegung der elastischen Lippen des Stengels, die durch ihre jedes¬ 
malige Oeffnung die Luft verdichten und sie unter gleichzeitigen und 
gleich schnell erfolgenden Erschütterungen der elastischen Wand zum 
Tönen bringen. Trotz dieser Auseinandersetzung, welche den Kehlkopf 
der Vögel auf das Klarste zu einer (und zwar membranösen) Zungen¬ 
pfeife stempelt, fährt er fort, dass er ihn dafür nicht halten könne, weil 
man, in den Kehlkopf eines Singvogels blasend, eine Reihe von verschie¬ 
den hohen Tönen erhält, während die Zungen — er denkt dabei an die 
schweren Metallzungen der Orgelpfeifen — ihren Ton kaum ändern mit 
der verschiedenen Stärke des Anblasens. Dieser Schluss ist um so be¬ 
fremdlicher, als er an seinem Kinderspielzeug, einem offenbaren Zungen¬ 
instrument, durch verstärktes Anblasen den Ton um 4—5 Stufen in die 
Höhe treiben konnte. 
Er versucht nun den Kehlkopf der Vögel künstlich nachzuahmen, 
indem er quer über ein Rohr ein dünnes elastisches Häutchen spannt und 
durch das Rohr bläst. Je nach der Spannung des Häutchens und der 
Stärke des Anblasens erhält er verschieden hohe Töne, und am Ende 
all dieser Versuche wird der Kehlkopf der Vögel doch als eine Pfeife 
hingestellt, deren Wände membranös sind, und die deshalb gewisse Eigen- 
thiimlichkeiten darbietet, gegenüber einer anderen, deren Wände aus festem 
Material bestehen. Nur der Kehlkopf der Singvögel, die eine sehr aus- 
gebildete Membrana tympani interna haben, wird nicht unter die Pfeifen 
rubricirt, sondern den primären Erschütterungen dieser Membran das 
Hauptgewicht beigelegt. 
Nach diesen Auseinandersetzungen haben wir nur noch die Meinung 
Joh. Müller’s zuzufügen, welcher den Stimmenapparat der meisten Vögel 
(Gänse, Enten, Hühner, Krähen) als eine membranöse Zungenpfeife an¬ 
sieht, mit dem Bemerken jedoch, dass in den Kehlen vieler kleiner Sing¬ 
vögel vielleicht auch Pfeiftöne gebildet werden, die mit Membrantönen 
nichts zu schaffen haben. Es lässt sich diese Behauptung, so allgemein
        

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