Bauhaus-Universität Weimar

Stärke der menschl. Stimmcompensation. Genauigkeit der menschl. Stimme. 117 
Wird andererseits an den Sänger die Anforderung gestellt, einen 
Ton abschwellen zu lassen, so vollziehen sich die umgekehrten Vorgänge. 
Der Kehlkopf steigt etwas in die Höhe (Liskovius), die Bänder werden 
hierdurch mehr gespannt und ausserdem in ihren schwingenden Partieen 
durch Verschluss von hinten her verkürzt.1 Schliesslich betheiligen sich auch 
noch die Muskeln der Epiglottis und des Kehlkopfeinganges beim An- und 
Abschwellen von Tönen. Die Epiglottis senkt sich, der Kehlkopfeingang 
verkleinert sich bei starken ; das Umgekehrte tritt ein bei schwachen Tönen. 
Aus all’ diesen complicirten Muskelactionen erklärt es sich, wie 
Joh. Müller mit Recht sagt, warum das Schwellen und Schwächen 
der Töne, ohne ihren musikalischen Werth zu ändern, selbst für ge¬ 
übte Sänger so schwer und für ungeübte ohne Detonation auf die 
eine oder andere Art ganz unmöglich ist. Weiterhin erklärt sich 
hieraus die Schwierigkeit, einen hohen Ton und zwar im Brust¬ 
register .piano zu singen und namentlich ihn piano einzusetzen, 
weil dabei die Stimmbänder ungemein stark gespannt sein müssen, 
damit auch bei schwachem Luftdruck doch noch ein hoher Ton er¬ 
zeugt werde. Im Fistelregister jedoch, wo die Spanner der 
Stimmbänder nicht in so kraftvolle Action gesetzt zu werden brauchen 
(denn sie haben nicht wie im Brustregister gegen den stark con- 
trahirtenM. vocalis und Crico-aryt. lat. anzukämpfen), ist bekannt¬ 
lich Nichts leichter, als hohe Töne piano zu singen und 
einzu setzen. 
Wenn wir nun irgend einen Ton in beliebiger Stärke singen 
wollen, so wissen wir aus Erfahrung und Uebung, dass einerseits 
durch die Exspirationsmuskeln die Luft mit einer gewissen Kraft 
ausgetrieben werden muss und dass andererseits die Stimmbänder 
in die für die Stärke und Höhe des Tones passende Stellung und 
Spannung durch bestimmte Actionen der Kehlkopfmuskeln gebracht 
werden müssen. In der schnellen und sicheren Handhabung aller 
dieser Muskeln beruht — ein normales musikalisches Gehör voraus¬ 
gesetzt, das ist die Fähigkeit, die Töne nach ihrer Höhe richtig zu 
beurtheilen und aufzufassen — das Treffen der Töne und, wenn man 
will, die Grundlage des Gesanges überhaupt. 
Ganz kürzlich haben über die Genauigkeit der menschlichen Stimme, 
d. h. also über die Feinheit der eben besprochenen compensatorischen 
1 Bataille (1. c. p. 384) sagt: Pour un même son l’accroissement d’intensité 
d’un courant d’air détérmine une tension moins forte des ligaments et une plus 
grande ouverture de la glotte en arrière. Bei mir ändert der Kehlkopf seine Stel¬ 
lung bei diesen Vorgängen so gut wie gar nicht; ich compensire, wie es scheint, 
nicht durch veränderte Spannung, sondern nur durch Vergrösserung oder Ver¬ 
kleinerung der schwingenden Massen. Ja es machte mir sogar oftmals den Ein¬ 
druck, als vermehre sich sogar die Spannung der Stimmbänder, wenn ich ein und 
denselben mittleren Ton im Brustregister lauter sang.
        

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