Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Richtungskörper und deren Schicksal im befruchteten und unbefruchteten Bienenei. Inaugural- Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde der hohen philosophischen Facultät der Albert- Ludwig Universität zu Freiburg i. B. Mit 4 Tafeln und 1 Textfigur. Abdruck aus den Zoologischen Jahrbüchern. Heft 4. Bd. 14. 1901. Gustav Fischer. 1-36 pp.
Person:
Petrunkewitsch, Alexander
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36592/1/
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BIB LIOGli APHTE. 
Männchen entstanden sind, vollkommen ausgeschlossen. Vielmehr haben wir 
es hier mit einer für beide Geschlechter selbständigen Entwicklung zu tliun. 
Es ist bekannt, dass ursprünglich alle Orthopteren einfache Haare anstatt, 
der Tonapparate besassen. Darauf weist unter andern auch die Thatsache hin, 
dass bis zur letzten Häutung an der Stelle der zukünftigen Schrilladern ein¬ 
fache Haare sitzen; auch kann die Entstehung der Tonapparate aus Haaren, 
wie wir es gesehen haben, an erwachsenen Insecten nachgewiesen werden. 
Denken wir uns jetzt, dass je eine Colonie von so gleichmässig behaarten 
Grasheuschreckeu, die ja auf gewisse Grenzen ihrer Verbreitung angewiesen 
sind, auf einer Wiese von etwa 100 qm. gelebt hat, und dass alle Individuen 
ursprünglich stumm waren. Sie mussten sich unter einander paaren, und bald 
wurden sie alle verwandt. Ihre Nachkommen mussten sich auch nur mit 
einander paaren, da sie ja an demselben Orte entstanden waren und bei 
genügender Nahrung keinen Grund hatten ihn za verlassen. Wir wissen 
aber aus Beobachtungen und Experimenten, wie schnell die Inzucht ein Volk 
zum Absterben bringt. So haben die Versuche von Weissmann gezeigt, das 
die Mäuse schon in der 30. Generation fortpflanzungsunfähig sind und alle 
zu Grunde gehen, ohne Nachkommen zu hinterlassen. So würde es denn auch 
in unserem Beispiel geschehen, dass die ganze Colonie der Grasheuschrecken 
dem Aussterben preisgegeben wäre. Denken wir uns jetzt, dass einige unter den 
stummen Männchen eine kleine Umgestaltung der Haare an den Hinterbeinen 
erhalten hatten, die es ihnen ermöglichte, ein wenn auch noch geringes, so 
doch über die Grenzen ihres Lebensbezirks hörbares Geräusch zu erzeugen. 
Durch dieses Geräusch angelockt, kamen einige Weibchen aus den benachbar¬ 
ten Wiesen und erzeugten mit den das Geräusch erzeugenden Männchen eine 
gesunde und lebenskräftige Nachkommenschaft, während die an Zahl weit grös¬ 
sere stumme Generation durch Inzucht allmälig ausstarb. Bald musste aber 
zwischen den Bewohnern der-ersten und der benachbarten Wiese wieder eine 
allgemeine Verwandtschaft eintreten und sie dem Tod durch Inzucht zuführen. 
Gesunde Nachkommen werden wiederum nur solche Männchen erzeugt haben 
können, denen ihre günstiger umgestalteten Haare es ermöglichten Weibchen aus 
entfernteren Wiesen herbeizulocken, während die andern, wenn auch zahl¬ 
reicheren, aussterben mussten. So ging der Process, den man als eine be¬ 
sondere Form der natürlichen Auslese betrachten und vielleicht als Inzucht - 
Auslese bezeichnen könnte, immer weiter, und die Tonapparate befanden sich 
in steter Entwicklung, bis sie einen gewissen Grad erreicht hatten, wo die 
Männchen sich solche Weibchen anlocken konnten, die in genügend grosser 
Entfernung von ihnen waren, um das Eintreten naher Verwandtschaft zu 
vermeiden. Jetzt werden alle Männchen gesunde Nachkommen erzeugen, und 
der Tonapparat muss in seiner Entwicklung stehen bleiben, da von nun an 
keine Inzucht zu Stande kommen kann. Auf dieselbe Weise kann man sich 
auch die Entwicklung der weiblichen Tonapparate denken, vorausgesetzt, dass 
beide Geschlechter sich gegenseitig anlocken. 
Petrunkewitsch, Alexander. Die Richtungskörper und deren Schicksal im 
befruchteten und unbefruchteten Bienenei. Inaugural-Dissertation zur
        

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