Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rudolf Weinmann: Wirklichkeitsstandpunkt. Eine erkenntnis-theoretische Skizze. Hamburg und Leipzig, Leopold Voss. 1896. 37 S.
Person:
Kiesow, Friedr.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36482/1/
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Litteraturbericht 
Einmal hatte ich kurz vor dem Einschlafen meine Bhantasiethätigkeit 
mit dem Erzeugen von blattgrünen Laubgängen beschäftigt, um dadurch 
leichter Schlaf zu gewinnen. Infolgedessen träumte ich von einem 
Laubgange, welcher aber von hellgrünem Lichte durchflossen war. Das 
Schauen nach den zu grofsem Teile dunkel erscheinenden Fenster¬ 
scheiben eines Hauses am Tage wiederholte sich im Traume. Doch er¬ 
schienen hier die fixierten Scheiben silberglänzend und gewölbt. Die 
Beschäftigung mit Diffraktionserscheinungen und Berechnungen über 
rote, orange und violette Farben am Tage hatten zur Folge, dafs ich von 
einem grofsen goldgelben Kreise mit hellblauen Stellen träumte. 
Aus diesen und ähnlichen Beobachtungen folgt, dafs die am Tage 
oder am Abend zuvor fixierten Farben in den Träumen der folgenden 
Nacht, falls die Farben in den Blickpunkt des Bewufstseins treten, in 
helleren und teilweise glänzenden Nuancen wiederkehren. Diese Formu¬ 
lierung würde auch eine Bestätigung meines zweiten Traumgesetzes 
bilden, welches lautet: „Die Perzeption der Empfindungen ist im all¬ 
gemeinen mit Qualitätsveränderungen und Dislokalisationen, dagegen 
die Apperzeption derselben mit Intensitätserhöhungen und Irradiationen 
verbunden.“ (Yergl. Giessler: Die physiologischen Beziehungen der 
Traumvorgänge. Halle, Niemeyer. 1896.) Zum Schlufs möchte ich den 
Herren Traumpsychologen noch folgenden interessanten Traum mitteilen. 
Kurz vor dem Erwachen hatte ich kürzlich einen akustischen Eindruck, 
wie vom Bellen eines kleineren Hundes, ohne dafs sich dabei ein ent¬ 
sprechendes Gesichtsbild herausbildete. Der Traum hielt nur einen 
foment an, und die Vorstellung, dafs ein Hund bellte, gelangte erst 
beim Erwachen in den Blickpunkt des Bewufstseins. Beim Erwachen 
Stellte sich zugleich heraus, dafs ein kleiner Hund überhaupt nicht ge¬ 
bellt hatte, sondern zwei grofse Hunde, deren gleichzeitiges Bellen in 
tieferem Ton nach meinem Erwachen noch anhielt. Die Qualitäts¬ 
veränderung des tieferen Tones in den höheren Ton und somit die ent¬ 
sprechende Vorstellung des kleineren Hundes waren durch die Thatsache 
veranlagst worden dafs in meinem Hause eine Familie mit einem kleineren 
Hunde wohnte, dessen Erinnerungsbild durch die Gewohnheit meiner 
Reproduktionsthätigkeit nahe lag. M. Giessler (Erfurt). 
Rudolf Weinmann. Wirklichkeitsstandpunkt. Eine erkenntnis-theoretische 
Skizze. Hamburg und Leipzig, Leopold Voss. 1896. 37 S. 
Die Arbeit gliedert sich in die drei Teile: 1. Orientierung. 
2. Apriorität und Subjektivismus. 3. Wirklichkeitsstand¬ 
punkt. Einige Anmerkungen, auf die der Verfasser im Texte verweist, 
sind der Darstellung aufserdem in einem besonderen Abschnitte an¬ 
gehängt. 
Im allgemeinen sei vorausgeschickt, dafs der Verfasser sich mit der 
vorliegenden Abhandlung das Ziel gesetzt hat, „einen energischen Bei¬ 
trag zu liefern zum Kapitel „Emanzipation von Kant“. „Auch die 
gröfsten Geister können einmal historisch werden. Für Kant dürfte
        

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