Bauhaus-Universität Weimar

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Stephan WitaseJc. 
allgemein unter „vorstellen“ kurzweg meint), sondern „unan- 
schaulicb“ (sie „denken“ nur daran), „indirekt“, mit Hülfe der 
relativen Bestimmung der Lage im Spektrum. Durch diese wird 
nämlich die Allgemeinvorstellung „Spektralfarbe“, die offenbar 
in der unanschaulichen Vorstellung enthalten ist, zu der der 
bestimmten verlangten Farbe. Demnach liegen in unserem Bei¬ 
spiele zwei voneinder verschiedene Vorstellungen von der 
„Farbe an der B-Linie“ vor: eine anschauliche und eine un¬ 
anschauliche. 
Wenn wir die letztere einer Analyse unterziehen,, so ergeben 
sich uns als ihre Bestandstücke: 1. die Allgemeinvorstellung 
„Spektralfarbe“, 2. die Vorstellung der „mit JB bezeichneten 
Fraunhofers chen Linie“ und 3. die Vorstellung des zwischen 
diesen beiden Inhalten geforderten Verhältnisses des Beiein- 
anderliegens. Diese drei, möglicherweise selbst wieder unan¬ 
schaulichen Vorstellungen mögen die Bestandstücke jener Kom¬ 
plexion bilden, die wir die unanschauliche Vorstellung der be¬ 
zeichneten Farbe nennen.1 
Mit dieser müssen sich aber die minder Unterrichteten 
unter jenen Zuhörern begnügen. Aber wie macht sich die 
Sache bei den anderen, die zur anschaulichen Vorstellung ge- 
1 Eine wie grofse Bolle die unanschaulichen Vorstellungen in unserem 
psychischen Lehen spielen, wird klar, wenn man bedenkt, dafs sie nicht 
nur für jene Inhalte eintreten, für die unter den eben gegebenen oder 
unter allen Bedingungen eine anschauliche Vorstellung unmöglich ist; 
(so kann auch der von G-eburt Blinde von Farben reden und an sie 
„denken“, sie vorstellen, freilich nicht anschaulich ; so sprechen wir vom 
viereckigen Kreis, von der Entfernung der Erde von der Sonne, einer 
Temperatur von — 273°, der Zahl oo etc. etc., und haben dabei ganz 
bestimmte — unanschauliche — Vorstellungen); sondern wir begnügen 
uns zur Sparung psychischer Energie oft und oft auch dort mit der 
unanschaulichen Vorstellung, wo wir eine anschauliche bilden könnten. 
•Wenn ich dem Diener befehle, mir die Stiefel ins Zimmer zu bringen, 
stelle ich nicht einmal die Stiefel, geschweige denn den ganzen ge¬ 
wünschten Vorgang anschaulich vor. — Klare Grundlagen zur Einsicht 
in Wesen und Bau der unanschaulichen Vorstellungen giebt die Arbeit 
Meinongs: „Phantasievorstellung und Phantasie“, Zdtschr. f. Philos, u. 
philos. Kritik. Bd. 95. (1889.) S. 161 ff., auf deren Ergebnissen auch 
die hier gebrachten Ausführungen fufsen. Wichtig für das Folgende 
ist die Charakterisierung der in Bede stehenden Vorstellungen, „dafs alle 
Unanschaulichkeit zuletzt auf Unverträglichkeit zurückgeht“ (S. 210) und 
„anschaulich ist eine komplexe Vorstellung, sofern sie nach jeder Bich- 
tung frei von Unverträglichkeit ist“.
        

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