Bauhaus-Universität Weimar

Die geometrisch-optischen Täuschungen. 
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fachsten und unmittelbarsten verständlich, wenn eine einzige 
Richtung als die Grundrichtung erscheint, von der jede Ab¬ 
weichung, Abzweigung oder Ausbreitung nach einer anderen 
Richtung ausgeht. Und diese Vorstellung wiederum kann ent- 
stehen in dem Mafse, als die Grundrichtung — obgleich sie 
die Richtung ist, in der das Ganze als Ganzes wird — doch 
zugleich für die Abweichungen oder die von ihr ausgehenden 
seitlichen Ausbreitungen die feste oder ruhende Mitte bezeichnet, 
also jederzeit Antriebe zu entgegengesetzten Abweichungen 
oder seitlichen Ausbreitungen sich in ihr das Gleichgewicht 
halten. Wiederum fordert dies Gleichgewicht nicht notwendig 
die geometrische Symmetrie der beiderseitigen Abweichungen 
oder seitlichen Ausbreitungen; doch ist auch hier die geo¬ 
metrische Symmetrie dasjenige, was zunächst geeignet ist, die 
Vorstellung dieser Einheitlichkeit in uns zu wecken. 
9. Mechanische Interpretation. Wie schon gesagt, 
ist die Möglichkeit der einheitlichen Auffassungj oder die „Ver¬ 
ständlichkeit“ eines geometrischen Gebildes in diesem Sinne, 
Grundbedingung des ästhetischen Eindruckes. Zugleich liegt 
in dem Bedürfnisse der möglichst einheitlichen Auffassung 
oder der möglichst unmittelbaren Verständlichkeit die Nötigung, 
räumliche Formen jedesmal in solcher Weise zu interpretieren, 
d. h. solche Kräfte in ihnen wirksam zu denken, dafs jenem 
Bedürfnis genügt werden kann. Insofern ist das Prinzip der 
Einheit nicht nur ein ästhetisches Prinzip, sondern gleich¬ 
zeitig ein Prinzip der optischen Täuschungen. 
10. Entstehung der Täuschungen. Die optischen 
Täuschungen kommen zu stände, indem wir die Vorstellungen 
der Tendenzen oder Thätigkeiten, die uns in räumlichen Formen 
unmittelbar zu liegen scheinen, vollziehen. Diese Vorstellungen 
können aber nicht anders vollzogen werden, als so, dafs wir den 
Tendenzen in unserer Vorstellung nachgeben, oder die Thätig¬ 
keiten in unserer Vorstellung sich verwirklichen lasèen; also 
etwa die Form, in der eine Tendenz der Ausweitung zu liegen 
scheint, in der Vorstellung sich ausweiten, diejenige, deren 
Thätigkeit auf Verengerung ihrer selbst gerichtet scheint, in 
der Vorstellung sich verengen lassen etc. Damit ist die Ab¬ 
lenkung des Vergleichsurteiles, in welcher die optische Täuschung 
besteht, ohne weiteres gegeben. 
11. Einwand. Der Ein wand, dafs die Kräfte, Tendenzen,
        

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