Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Friedrich Jodl: Lehrbuch der Psychologie. Stuttgart, Verl. d. Cotta'schen Buchhandlung 1896. 767 S.
Person:
Martius, Götz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36186/15/
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Besprechung. 
(Apperception), und in dieser Auffassung liegt bereits ein. Herausbeben 
eines Theilinhaltee aus einem Gesammtinhalte und ein Belieben des Theilw 
auf das Ganze, liegt also das, was man das primäre ürtheilen nennen 
kann, der Anfang der Begriffsbildung. Eine solche Spontaneität, obschoi 
sie di© Form der sinnlichen Inhalte verändert, erfordert nicht di© Annahme 
einer besonderen Grundfunction des Bewusstseins, eie ist nur der Ausdruck 
für das thaisächliche Geschehen, würde also auch der ursprünglich von 
Jom, selbst gelehrten Theorie des Bewufstseins gerecht werden. Aller¬ 
dings ist ©ine realistische Vorstellungsweise mit diesem Standpunkt nicht 
vereinbar. 
Mit Cap. XI (S. 641—71) kehren wir sur Lehr© vom Gefühl zurück. 
Es behandelt die Gefühle der secundftren und. tertiären Stufe, die höheren 
oder geistigen Gefühle, die Jom, in FormalgefüMe und Persongefühle 
theilt, ferner die Affecte und die eomplexen ästhetischen und ethischem 
Gefühle. Dazu kommen Im ScMufscapite! (S. 718 — 738) die höheren 
Willenserscheinungen, bei welcher Gelegenheit auch di© Frage der Willens¬ 
freiheit ausführlich erörtert wird. Es wäre Schade, diese feinsinnigen Aus¬ 
führungen, die von feinstem Verständnifis für di© menschliche Natur 
zeugen und aus einer an ethischen Gegenständen geübten hohen Zer¬ 
gliederungskunst hervorgegangen sind, auszugsweise wiederzugeben. Wir 
empfehlen sie weitgehender Beachtung. Man wird bei ihrem Lesen an, die 
vorausgegangenen principiellen Erörterungen kaum erinnert; sie liegen 
von dem ursprünglichen Programm, wie es dl© Einleitung aufstellte, weitab. 
Wir befinden uns hier innerhalb rein psychologischer Thatsachen, die in 
ansprechender Weise vor uns aufgerollt werden. Wenn wir oben zu be¬ 
haupten wagten, dafs der Werth, dieses Buche® von seiner eigentlichen Ab¬ 
sicht sich entferne, so hatten, wir dies© Abschnitte im Auge. Im specieien 
Theil erhielten wir an Stelle einer einleuchtenden Durchführung des ur¬ 
sprünglichen Programms ©ine mit diesem in Zusammenhang stehende, 
aber nicht einwandfreie Ausführung über die Lehre von den Sinnea- 
empfindungen, sodann eine mit dem Programm schon viel lockerer ver¬ 
knüpfte Darstellung der Lehr© vom Begriff und Urtheil auf associativer 
Grundlage und schliefslich eine fast ganz davon losgelöste analytische 
Beschreibung der höheren Gefühls- und Willens Vorgänge. deren besonderen 
Werth anzuerkennen wir nicht umhin konnten. Wir müssen es den 
Lesern, überlassen, ob sie mit uns hieraus auf die Undurchführbarkeit jenes 
Programms schliefsen wollen. 
Gütz Mjjïiiot (Bonn).
        

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