Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Friedrich Jodl: Lehrbuch der Psychologie. Stuttgart, Verl. d. Cotta'schen Buchhandlung 1896. 767 S.
Person:
Martius, Götz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36186/1/
Besprechung. 
Fmbbrich Jodl. Lehrbuch der Psychologie. Stuttgart» Verl. d. Cott&sehen 
Buchhandlung 1896. 767 8. 
Der durch seine „Geschichte der Ethik in der neueren Philosophie“ 
rtihmlichst bekannte Verl, bietet uns hier eine Darstellung der Psychologie» 
von der von vornherein gebührend anzuerkennen ist, dafs sie eine auf um¬ 
fassender Kenntnifs des Gegenstandes beruhende» verdienstvolle Leistung 
ist. Die Ergebnisse der neuem physiologischen und psychologischen 
Forschungen, einschliefslich die der experimentellen .Psychologie, werden 
überall berücksichtigt. Die Schreibart ist verständlich» die Eintheilung 
übersichtlich. Und doch haben wir es mit einem merkwürdigen Buche zu 
thun» dessen Ausführungen sich uns in principieller Beziehung mehrfach 
zu widersprechen scheinen und dessen eigentlicher Werth nach unserer 
Ansicht mit seiner ausgesprochenen Absicht nicht ganz zu warn menstimmt. 
Es ist daher auch nicht ganz leicht, den Standpunkt des Buches kun in 
.kennzeichnen. Und. doch müssen wir es an der Hand des Verf. versuchen. 
Jodl definirt die Psychologie als »»die Wissenschaft von den Formen 
und Naturgesetzen des normalen Verlaufs der Bewufsteemserscheinumgen, 
welche im menschlich t hie rischen Organismus mit den Vorgängen des 
Lebens und der Anpassung des Organismus an di© ihn umgebenden Medien 
verbunden sind und deren Gesammtheit wir als seelische (psychische) 
Functionen oder Processe bezeichnen“ (S. 5). Diese Definition ist gewils 
vielverheifsend. Di© Formen des normalen Verlaufs der BewuJTsteeins- 
erscheinungen nicht allein, sondern auch ihre Naturgesetze soll die Psycho¬ 
logie darsteilen. Die Bewufstseinserscheinungen sollen zu den Vorgängen 
des Lebens in Beziehung gesetzt» als Anpassungsvorgänge an die um¬ 
gebenden Medien begriffen und dies Verfahren auf die Gesammtheit der 
psychischen Process© ausgedehnt werden. Eine vollkommen gelungene 
Ausführung dieses Programms würde die Lösung so manchen alten Räthsels 
einschliefsen, würde das Verhältnis von Subject und Object, von physischen 
und psychischen Erscheinungen in völlige Klarheit rücken, würde die 
Lieblingsidee der Zeit — die Entwickelungsidee — in vollkommenster Durch* 
ftthrung für alles Seiende zeigen.
        

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