Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Maaßbestimmungen über die Reinheit consonanter Intervalle
Person:
Stumpf, C. M. Meyer
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36179/83/
Maafsbestimmungen die Bmmkmi conêonanter Intervalle. 40S 
doch wenigstens bei Klingen yen schärferer Klangfarbe, wie sie ja 
in der praktischen Musik vorwiegend gebraucht werden, gewisse 
sachliche Anhaltspunkte habe. Stellen wir uns zuerst ' vor (was 
freilich nur eine Fiction ist), man benrtheile die Reinheit einer 
‘Octave so, dais der höher© Ton mit dem zweiten Theilton des 
tieferen in Bezug auf Unisono verglichen werde, ebenso die 
Reinheit der Quinte durch Vergleichung des 3. Theiltons des 
tieferen mit dem 2. des höheren — wobei also die Reinheits- 
empfindlichkeit sich auf Unterschiedsempfindlichkeit reduciren 
würde. Dann müfste das Urtheil bei der Octave allerdings 
durchschnittlich am feinsten sein, da der zweite Theilton am 
stärksten unter den Obertönen vertreten zu sein pflegt, also 
die fraglich© Vergleichung am leichtesten stattfinde; und es 
müfste überhaupt mit abnehmender Oonsonanz die Schärfe des 
Reinheitsurtheils abnehmen, weil die Intensität der auf ihr Uni¬ 
sono' zu prüfenden Theülöne im Ganzen mit ihrer Ordnungszahl 
abnimmt. Nun findet zwar ein solcher Procefs beim gewöhn¬ 
lichen musikalischen Urtheil nicht Statt: die Reinheitsempfind¬ 
lichkeit ist nicht Unterschiedsempfindlichkeit, da man eben die 
Obertöne nicht gesondert heraushört. Aber es Meise sich an¬ 
nehmen, dafs die Obertöne, auch ohne gesondert vernommen zu 
werden, doch einen Einflufs auf das Reinheitsurtheil üben, indem * 
kleine Abweichungen zwischen Minen den bezüglichen beiden 
Klängen (auch wenn sie nur Aufeinanderfolgen) etwas Fremd¬ 
artiges gegeneinander gäben. Die Aehnlichkeit zweier Klänge, 
die durch gemeinsam© unanalysirte Teiltöne entsteht, wird eben 
geringer, wenn sie nicht genau coincidiren. 
Eine kühne Hypothese wäre es freilich, dafs Verstimmungen 
unbemerkter Theiltöne als Verstimmungen der ganzen Kl,Enge 
gegen einander bemerkt würden, und es hat keiner von unseren 
Beobachtern auf Befragen zugegeben, dafs die Verstimmung der 
Quinte für ihn ©ine Verminderung der Aehnlichkeit ihrer beiden 
Tön© miteinander bedeute; ja man verstand kaum, was damit 
g e in e int war. Aber es wäre so wenigstens eine gewisse, wenn 
auch mehr papieme, Stütze 'für die Ueberlieferang zu finden. 
Wir wollen nicht weitläufiger zeigen, warum eine wirkliche 
und sachliche Begründung doch nicht darin läge. Denn wenn 
auch die psychologische Construction einwandfrei und unsere 
Beobachtungen an obertonreichen Klängen damit vereinbar 
wären, so würde man immer noch kein Recht haben, den 
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