Bauhaus-Universität Weimar

Zwei Beiträge zur Psychologie dm Rhythmus und dm Tempo. 105 
nehmen, ©in Anschwellen des Gefühls zu. einer gewissen Höh©| 
auf der angelangt es plötzlich verschwindet 
Wundt, der den Vorgang Ähnlich schildert1, glaubt ein Erwar- 
tungsgefühl erkennen zu können. Die Qualitätsverschiedenheit be¬ 
steht nach ihm darin, dafs das eine Gefühl ©in Gefühl der er- 
-füllten Erwartung, das ander© ein solches der gespannten 
Erwartung sei Dieser Bezeichnung kann ich mich in doppelter 
'Hinsicht nicht anschüefsen. Zunächst vermag ich ein Gefühl 
der „erfüllten“ Erwartung in diesem Falle nicht vorzufinden. 
Vielmehr finde ich an der Stelle, wo es auftreten sollte, eben 
wie bemerkt, ©ine charakteristische und geradezu absolute Leere 
•des Bewufstseins, die sich, allein und für sich betrachtet, jeg¬ 
licher . positiv-qualitativen Bestimmbarkeit meiner Selbst¬ 
beobachtung nach entzieht, die aber dann auch durch eine Be¬ 
stehung auf und durch einen Gegensatz zu dem vorhergehenden 
•Zustande „gespannter Erwartung“ durchaus keinen Inhalt als 
„erfüllte“ Erwartung erhält. Dann aber scheint hier auch die 
Bezeichnung des vorhergehenden Zustandes als Spannung der 
Erwartung nicht glücklich gewählt. Denn fafst man den Begriff 
4er Erwartung in Anlehnung an den gemeinen Sprachgebrauch 
auf, so ist in ihm enthalten, dafs die Erwartung auf ein be¬ 
stimmtes Object gerichtet sei. Die fraglichen Gefühl© können aber 
"sehr deutlich bemerkt werden, ohne dafs in unserem Bewufstsein 
ein solches Object, auf das sie sich richteten, vorhanden wäre. 
Mm kann sie z. B. mit Leichtigkeit bemerken, wenn man sich 
zeitliche Abschnitte lediglich vor stellt Auch dann tritt in 
♦ganzer Deutlichkeit dasselbe Spiel der Gefühle auf, und es ist 
nicht 'klar, worauf dann die Erwartung — in obigem Sinne — 
gerichtet sein sollte. Weicht man aber vom gemeinen Sprach¬ 
gebrauch ab und versteht unter Erwartung ©in aus gewissen 
Combinationen von äufseren Spannungsempfindungen und cen- 
iraleii Empfindungen resultirendes Gefühl, so scheint mir die an. 
aich schon so unsichere Grenze zwischen „Erwartung©-“ und „Auf- 
•merkBamkeits(C-Spannung noch mehr verwischt zu werden ; es wird 
dann sehr schwierig, ja unmöglich, zwischen beiden Gefühlen, die 
man trotzdem verschieden bezeichnet, noch einen sachlichen Unter¬ 
schied zu finden. — Dagegen nähert man sich dem gemeinen 
'Sprachgebrauch durch di© Inanspruchnahme des fraglichen Ge» 
1 Wotdt, Gnindrifs der Psychologie, 8, 172.
        

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