Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Einige noch nicht beschriebene optische Scheinbewegungen und ihre Bedeutung für die Theorie der Bewegungswahrnehmungen
Person:
Poschoga, N.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit36100/12/
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N. Poschoga 
„Aufserdem mufs ich aber ganz besonders hervorheben, dafs der 
Eindruck, dafs das Objekt sich bewegt, ein ganz unmittelbarer 
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ist, ohne dafs eine Überlegung oder ein Zweifel stattfindet und 
deswegen halte ich die Bezeichnung ,Bewegungsempfindung1 
für eine völlig zutreffende.“ Dieselbe Ansicht wird unter anderen 
auch in einer der neuesten experimentellen Arbeiten nämlich 
von Annie Steen geäufsert: „In den obigen Tatsachen wird nicht 
der Bewegungseindruck durch die Wahrnehmung der einzelnen 
Punkte vermittelt, sondern gerade umgekehrt: nur darum wird 
überhaupt etwas gesehen weil Bewegung gesehen. Das Be¬ 
wegungsphänomen ist hier primär.“ 1 Bei den erwähnten Autoren 
wird das Problem vollkommen klar gefafst und in einem ganz 
bestimmten Sinne beantwortet. Meine Beobachtungen bestätigen 
vollkommen diese Ansicht von der Bewegungsempfindung als 
einer ursprünglichen und elementaren. 
Die anderen Autoren leugnen dagegen die Bewegungsemp¬ 
findungen. So sagt z. B. Th. Ziehen: „Die Annahme spezifischer 
Bewegungsempfindungen und -Vorstellungen schwebt ganz in der 
Luft“.2 W. Wundt spricht von der Bewegungsempfindung nur 
in bezug auf den inneren Tastsinn. Im Gebiete des Gesichts¬ 
sinnes spricht er dagegen von den Bewegungsvorstellungen.3 Je¬ 
doch beschäftigt er sich dabei weniger mit der Analyse der Tat¬ 
sachen selbst als mit der Frage nach der Wahrhaftigkeit der 
Bewegungsvorstellung, ob nämlich die letztere einer wirklichen 
Bewegung entspricht, oder nicht, und wie die Bewegungsillu¬ 
sionen zustande kommen. So macht Wundt keinen Unterschied 
zwischen einer elementaren und unmittelbaren Bewegungsemp¬ 
findung einerseits und einer komplizierten und abgeleiteten Be¬ 
wegungsvorstellung andererseits. Weiter meint Wundt, dafs die 
Bewegungsvorstellung dadurch entsteht, dafs das Auge den be¬ 
wegten Gegenstand fixierend verfolgt. Solange es von der Be¬ 
wegungsvorstellung in dem schon öfters erläuterten Sinne die 
Rede wäre, würde gegen diese Auffassung nichts einzuwenden 
sein. Sobald aber Wundt dabei das unmittelbare Bewegungs- 
1 Annie Stern, „Die Wahrnehmungen von Bewegungen in der Gegend 
des blinden Flecks.“ Psychologische Forschung 7. 1925. 
2 Th. Ziehen, „Experimentelle Untersuchungen über die räumlichen 
Eigenschaften einiger Empfindungsgruppen.“ Fortschritte der Psychologie 
und ihrer Anwendungen. Bd. I. 1913. S. 331. 
3 W. Wundt, Grundzüge der physiologischen Psychologie. Bd. II5. 577ff.
        

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