Bauhaus-Universität Weimar

Stäbchenfunktion und Farbenkonstanz. 
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sei oder seine Tätigkeit sich blofs auf das Dämmerungssehen 
beschränke, scheint auch durch die neuen Argumente von G. E. 
Müller1, die für die Annahme einer blofsen Dunkelfunktion 
sprechen, noch nicht endgültig entschieden zu sein. G. E. Müller 
folgt der strengeren v. KaiESschen Anschauung, derzufolge die 
Funktion des Sehpurpurs im wesentlichen an die Dunkeladapta¬ 
tion gebunden ist. Hering2 3 hatte den Einwand erhoben, dafs 
aus dem geringen Sehpurpurgehalt der Stäbchen beim Adaptiert¬ 
sein an eine starke Helligkeit noch kein prinzipiell verschiedenes 
Verhalten der Sehpurpursubstanz folge; man könne sich vielmehr 
vorstellen, dafs jeweils gerade eine Kompensation zwischen einer 
lebhaften Sehpurpurzersetzung und einer ebenso reichlichen Seh¬ 
purpurbildung stattfinde; der Adaptationszustand bedinge zwar 
einen verschiedenen Sehpurpurgehalt, doch sei der Verbrauch 
immer der gleiche. G. E. Müller 3 war früher selbst der An¬ 
schauung nahegestanden, dafs eine Hellfunktion des Stäbchen¬ 
apparates sehr wohl denkbar sei; sie ging dahin, dafs „der 
Stäbchenapparat, von aller Beeinflussung durch Sehpurpur¬ 
zersetzungen frei gedacht, sich im wesentlichen wie ein Zapfen¬ 
apparat verhält, und der Sehpurpur, in der Hauptsache nur bei 
niederen, zum Teil für den Zapfenapparat ganz unwirksamen 
Helligkeiten seine Funktion ausübend, durch seine sensibilatorische 
Wirksamkeit dazu dient, die Lichtempfindlichkeit des Stäbchen¬ 
apparates weit über diejenige des Zapfenapparates hinaus zu er¬ 
höhen und ihre spektrale Kurve im Sinne der spektralen Kurve 
der Bleichungswerte zu verschieben. Je mehr nun aber bei 
steigender Helligkeit die Sehpurpurfunktion zurücktritt, desto 
mehr mufs nach dieser Annahme einer D opp elf un ktion des 
Stäbchenapparates (DH-Hypothese) letzterer Apparat hin¬ 
sichtlich der spektralen Helligkeitsverteilung, hinsichtlich der 
Farbengleichungen und hinsichtlich der Verschmelzungsfrequenz 
mit dem Zapfenapparat übereinstimmen.“ 
Die Abkehr von diesen Anschauungen scheint in erster Linie 
1 G. E. Müller, I. Zur Theorie des Stäbchenapparates und der Zapfen¬ 
blindheit, Zeitschr. f. Sinnes physiol. 54, 1923; II. Darstellung und Erklärung 
der verschiedenen Typen der Farbenblindheit. Göttingen 1924. 
2 E. Hering, Grundzüge der Lehre vom Lichtsinn, in Graefe-Saemischs 
Handb. d. ges. Augenheilkunde. I. Kap. 12, S. 113f. 
3 G. E. Müller, Zeitschr. f. Psychol. 14, 1897, S. 166 ff. ; vgl. Zeitschr. f. 
Sinnesphysiol. 54, S. 102'f.
        

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