Bauhaus-Universität Weimar

Die Beurteilung der Körperrichtung. 
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Wie schon öfter angedeutet, hatten wir vor den hier zur 
Diskussion stehenden Versuchen solche über die optische Lokali¬ 
sation der Medianebene in grofser Zahl angestellt. Dabei fand 
sich stets eine Mitdrehung auch der scheinbaren Rumpfmediane 
entsprechend der Kopf- und Augendrehung. Dies läfst sich 
jederzeit auch leicht beobachten: Nach einer Kopfdrehung glaubt 
man, dafs ein Gegenstand des Zimmers, der vorher, wo die 
Symmetrieebenen von Kopf und Rumpf zusammenfielen, gerade 
vor einem lag, jetzt zur entgegengesetzten Seite gerückt ist und 
nicht mehr in der Mitte vor einem liegt. Es hat also eine 
Scheindrehung stattgefunden, von der einem allerdings nur der 
Erfolg zu Bewufstsein kommt und die man entweder gleichsinnig 
mit der Kopfdrehung auf den eigenen Körper oder gegensinnig 
der Kopfdrehung auf den äufseren Raum beziehen kann. Es 
ist nun denkbar, dafs wir auf Grund assoziativer Verknüpfung 
die optischen Verhältnisse auf die haptischen einfach übertragen 
und bei unseren Beobachtungen reproduziert haben. In seinen 
Ausführungen über den Raumsinn weifst von Kries 1 nachdrück¬ 
lich darauf hin, dafs wir bei der Frage nach dem Hineinspielen 
optischer Vorstellungen in die haptisch vermittelten räumlichen 
Eindrücke nicht allein an das zu denken haben, was im Bewufst¬ 
sein unmittelbar erkennbar gegeben ist, sondern auch an ein 
„Anklingen“ optischen Empfindens, dessen physiologische Grund¬ 
lage vielleicht in einer Einstellung, einer vorbereitenden Disposi- 
• • 
tion zu erblicken ist. überhaupt trägt ja die Raum Verstellung 
allgemein ausgesprochen optischen Charakter, und von Kries 
spricht auf Grund der vorliegenden Tatsachen von einer optischen 
direkten Fundierung des Raumsinnes. — 
Einen wie grofsen Einflufs optische Vorstellungen auf 
haptische haben können, zeigt sehr eindringlich eine von E. Th. 
von Brücke 2 beschriebene Täuschung. Ritzte er unter einem 
Mikroskop bei etwa 80 fâcher Vergröfserung mit einem spitzen, 
scharfen Skalpell ein Brettchen aus weichem Holz, so schien die 
Konsistenz des Holzes ganz abnorm. Die Schneide des Skalpells 
schien so tief in das Holz einzudringen, dafs man eine wachs¬ 
weiche Masse zu schneiden glaubte. Ritzte man mit der Spitze 
1 v. Kries, Allgemeine Sinnesphysiologie. S. 194 ff. Leipzig 1923. 
2 E: Th. von Brücke, Über eine neue optische Täuschung. Zentralblatt 
/'. Physiol 20, S. 737. Nr. 22. 1907.
        

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