Bauhaus-Universität Weimar

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94 Herrn Dr. Ehemann aus Leipzig einen Versuchsplan für die 
Untersuchungen von Taubstummen in Bezug auf die Funktion 
des Tonuslabyrinths. Es wäre bei ihnen zu untersuchen 1) . . . 
2) . . . 3) Treffen eines eben gesehenen Knopfes oder dergl. mit 
dem Finger bei geschlossenen Augen — Gegenseitiges Treffen 
der Zeigefinger — Treffen der Augen oder des Mundes mit dem 
Finger — Heben des Armes bis zur Horizontalen, usw. usw. . 
Wer denkt dabei nicht an die fruchtbare Untersuchungsmethoden, 
die später besonders Barany in die Klinik eingeführt hat ? 
Hier möchte ich auch eine Mitteilung erwähnen, die mir 
Ewald am 19. Juni 1918 brieflich gemacht hat, mit der aus¬ 
drücklichen Erlaubnis, sie mit Nennung seines Namens bekannt 
zu geben. „Brieftauben doppelseitig am horizontalen Bogengang 
plombiert und durchsägt, fliegen bekannte Strecken wie sonst, 
nur langsamer. Im Nebel oder wenn sie aufserhalb der ihnen 
visuell bekannten Zone aufgelassen werden, finden sie sich nicht 
mehr nach Haus.“ Vielleicht liegt in dieser Beobachtung der 
Keim zur Aufklärung des rätselhaften Orientierungsvermögens 
der Brieftauben. 
Aus diesen Beispielen geht hervor, dafs nur diejenigen, die 
längere Zeit seinen anregenden Umgang geniefsen durften, den 
ganzen Reichtum seines Geistes kennen lernen konnten. Seine 
Veröffentlichungen geben nur ein unvollkommenes Bild von ihm. 
Im Verkehr mit seinen Mitarbeitern und Assistenten war er 
liebenswürdig und jederzeit bereit, mit seinen reichen Kennt¬ 
nissen und Fertigkeiten auszuhelfen. Es lag ihm fern, gegen 
Jüngere den Vorgesetzten herauszukehren, und deshalb fand er 
allerseits Liebe und Verehrung. 
Zwar ist nach Nietzsche der gelehrte Mensch oft „nur ein 
zart ausgeblasener feiner beweglicher Formentopf, der auf irgend 
einen Inhalt und Gehalt erst werten mufs, um sich nach ihm 
zu gestalten, für gewöhnlich ein Mensch ohne Gestalt und Inhalt“. 
Jedoch auf niemanden pafst diese Charakteristik weniger als auf 
Ewald. Er hatte sich sein Menschentum in jeder Beziehung bewahrt. 
Wer ihn und sein Haus kennen gelernt hat, wird nur mit Schmerz 
daran denken, dafs diese Stätte hoher Kultur nicht mehr ist. 
Und so können wir sicher sein, dafs das Andenken nicht 
nur des Forschers, sondern auch des Menschen in treuen Herzen 
bewahrt bleiben wird. 
Martin Grildemeister«
        

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