Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge der Physiologie und Systematik der Sprachlaute für Linguisten und Taubstummenlehrer
Person:
Brücke, Ernst W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3573/19/
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erzeugen soll, immer höher sein als der, welcher durch die pri¬ 
mären Pulsationen bedingt wird, weil die Feder sonst nicht Zeit 
hat, zwischen den Zähnen des Rades hin und her zu schwingen. 
Denke ich mir, die Feder sei so eingespannt, dass sie bei langsa¬ 
mer Drehung des Rades u erzeugt, denke ich mir dann das Rad 
so rasch gedreht, dass die primären und secundären Impulse gleich 
rasch aufeinander folgen, so werden sie einander decken, und da¬ 
mit wird die akustische Ursache der Vocalbildung aufgehoben sein. 
Beim Sprechen und Singen werden die Vocale durch Ver¬ 
längerung und Verkürzung und anderweitige Gestaltveränderung 
des Ansatzrohres hervorgebracht, welche dem menschlichen Stimm¬ 
werke, dem Kehlkopfe, in Gestalt der Rachen- und Mundhöhle mit¬ 
gegeben sind. Demgemäfs hat Willis gezeigt, dass man auch 
durch Verlängerung und Verkürzung eines künstlichen Ansatzroh¬ 
res die Vocale 4, e, », », u erhalten kann, wenn man dasselbe 
an ein Stimmwerk mit frei durchschlagender Zunge ansetzt. Wie 
vorher ein einzelner Stofs gegen die Uhrfeder schon einen musi¬ 
kalischen Ton repräsentierte, so repräsentiert hier ein einzelner 
Impuls der metallenen Zunge bereits einen musikalischen Ton, in¬ 
dem die Luftwellen in der Längsrichtung der Röhre hin und her 
reflectiert werden und dadurch die secundären Pulsationen ent¬ 
stehen, die bei der Uhrfeder von den Schwingungen repräsentiert 
wurden, durch welche sie in ihre Ruhelage zurückkehrt. Wie 
vorhin die Höhe des durch sie gegebenen Tones und somit der 
Vocallaut von der Länge der Uhrfeder abhieng, so hängt er jetzt 
von der Länge der Röhre ab, denn diese bestimmt die Geschwin¬ 
digkeit, mit der die secundären Pulsationen einander folgen. So 
weit die Theorie von Willis. In der That erklärt sich nach ihr, 
dass in den hohen Tönen des Soprans kein u mehr hervorgebracht 
werden kann, weil die Periode der primären Pulsationen für das¬ 
selbe zu kurz wird im Vergleich zur Periode der secundären Pul¬ 
sationen. Es erklärt sich auch, weshalb in der gewöhnlichen Spra¬ 
che der Ton, mit dem die Stimme beim * tönt, etwas höher ist, 
als der, womit sie beim u tönt; denn es ist bekannt, dass bei 
allen Zungenpfeifen der eigene Ton des Ansatzrohres auf das Rohr¬ 
werk zurückwirkt und die Schwingungsdauer der Zunge modifi- 
ciert. Man könnte auf den ersten Anblick einwenden, dass ja zur 
Hervorbringung der Vocale gar kein Ton nothwendig ist, dass 
man sie auch ohne Ton der Stimme, beim Flüstern, eben so gut
        

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