Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3483/354/
342 Zweite Abtheilung. Zwölfter Abschnitt. 
dgr Dissonanz glauben wir den Grund ihrer Unannehmlichkeit zu 
erkennen. Wir können den Sinn dieses Unterschiedes kurz so be¬ 
zeichnen: Consonanz ist eine continuirliche, Disso¬ 
nanz eine intermittirende Tonempfindung. Zwei cori- 
sonirende Töne fliessen in ruhigem Flusse neben einander ab, 
ohne sich gegenseitig zu stören, dissonirende zerschneiden sich in 
eine Reihe einzelner Tonstösse. Es entspricht diese unsere Be¬ 
schreibung der Sache vollkommen der alten Definition des Eukli¬ 
de s: „Consonanz ist die Mischung zweier Töne, eines höheren 
und eines tieferen. Dissonanz aber ist im Gegentheil die Unfähig¬ 
keit zweier Töne, sich zu mischen, dass sie für das Gehör rauh 
werden“ *). - 
Nachdem dieses Princip einmal gefunden war, blieb weiter 
nichts zu thun übrig, als zu untersuchen, in welchen Fällen und 
wie stark Schwebungen bei den verschiedenen möglichen Zusam¬ 
menklängen theils durch die Partialtöne, theils durch die Combi- 
nationstöne verschiedener Ordnung entstehen müssen. Diese Un¬ 
tersuchung war bisher eigentlich nur vonScheibler für dieCom- 
binationstöne je zweier einfacher Töne durchgeführt worden ; die 
bekannten Gesetze der Schwebungen machten es möglich, sie auch 
ohne Schwierigkeit für die zusammengesetzten Klänge durchzu¬ 
führen. Jede Folgerung der Theorie auf diesem Gebiete kann je¬ 
den Augenblick durch eine richtig angestellte Beobachtung be¬ 
wahrheitet werden, namentlich wenn man sich die Analyse der 
Klangmasse durch Anwendung der Resonatoren erleichtert. Alle 
diese Schwebungen der Obertöne und Combinationstöne, von denen 
wir in den letzten Abschnitten so viel gesprochen haben, sind 
nicht Erfindungen leerer theoretischer Speculationen, sie sind viel¬ 
mehr Thatsachen der Beobachtung, und können von jedem geüb¬ 
ten Beobachter bei richtiger Anstellung des Versuchs ohne Schwie¬ 
rigkeit wirklich wahrgenommen werden. DieKenntniss des akusti¬ 
schen Gesetzes erleichtert es uns, die Erscheinungen, um die es 
sich handelt, schneller und sicherer aufzufinden. Aber alle die 
Behauptungen, auf die wir gefusst haben, um die Lehre von den 
Consonanzen und Dissonanzen so hinzustellen, wie sie in den letz¬ 
ten Abschnitten gegeben ist, begründen sich ganz allein auf eine 
*) Euclides, ed. Meibomius, p. 8: “Eaxt Ss avfxtpuvia fiiv xçaaxç 
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