Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3483/16/
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Einleitung. 
len an die unmittelbare sinnliche Empfindung des Ohrs. Hire 
Wirkungen beruhen deshalb fast ausschliesslich auf psychischen 
Thätigkeiten. Die bildenden Künste benutzen zwar die sinn¬ 
lichen Empfindungen des Auges, aber doch in nicht viel anderer 
Absicht, als die Dichtkunst sich an das Ohr wendet. Hauptsäch¬ 
lich wollen sie in uns nur die Vorstellung eines äusseren Objects 
von bestimmter Form und Farbe hervorbringen. Wir sollen uns 
wesentlich nur für den dargestellten Gegenstand interessiren und 
an seiner Schönheit uns erfreuen, nicht an den Mitteln der Dar¬ 
stellung. Wenigstens ist die Freude des Kunstkenners an dem 
Virtuosenthum der Technik einer Statue oder eines Gemäldes nicht 
wesentlicher Bestandtheil des Kunstgenusses. 
Nur in der Malerei findet sich die Farbe als ein Element, 
welches unmittelbar von der sinnlichen Empfindung aufgenommen 
wird, ohne dass sich Acte des Verständnisses einzuschieben brau¬ 
chen. In der Musik dagegen sind es wirklich geradezu die Ton¬ 
empfindungen, welche das Material der Kunst bilden ; wir bilden aus 
diesen Empfindungen, wenigstens so weit sie in der Musik zur Geltung 
kommen, nicht die Vorstellungen äusserlicher Gegenstände und 
Vorgänge. Oder wenn uns auch bei den Tönen eines Concerts 
einfallt, dass dieser von einer Violine, jener von einer Clarinette 
gebildet sei, so beruht doch das künstlerische Wohlgefallen nicht 
auf der Vorstellung der Violine und Clarinette, sondern nur auf 
der Empfindung ihrer Töne, während umgekehrt das künstlerische 
Wohlgefallen an einer Marmorstatue nicht auf der Empfindung 
des weissen Lichts beruht, welches sie in das Auge, sendet, son¬ 
dern auf der Vorstellung des schön geformten menschlichen Kör¬ 
pers, den sie darstellt. In diesem Sinne ist es klar, dass die Mu¬ 
sik eine unmittelbarere Verbindung mit der sinnlichen Empfin¬ 
dung hat, als irgend eine der anderen Künste, und daraus folgt 
denn, dass die Lehre von den Gehörempfindungen berufen sein 
wird, in der musikalischen Aesthetik eine viel wesentlichere Kölle 
zu spielen, als etwa die Lehre von der Beleuchtung oder der Per¬ 
spective in der Malerei. Diese letzteren sind allerdings dem 
Künstler nützlich, um eine möglichst vollendete Naturwahrheit zu 
erreichen, haben aber mit der künstlerischen Wirkung des Wer¬ 
kes nichts zu thun. In der Musik dagegen wird gar keine Natur¬ 
wahrheit erstrebt, die Töne und Tonempfindungen sind ganz al¬ 
lein ihrer selbst wegen da und wirken ganz unabhängig von ihrer 
Beziehung zu irgend einem äusseren Gegenstände.
        

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