Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
L. Bruns: Die traumatischen Neurosen. Unfallsneurosen. Specielle Pathologie und Therapie, hrsg. v. Hermann Nothnagel, Bd. XII, Theil I, Abth. VI, 131 S. Wien, Hölder. 1901
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33708/1/
Literaturbericht. 
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bringt. Musikalische Bestimmtheit ist etwas Anderes als sprachliche. Ein 
und derselbe Text läfst verschiedenartige musikalische Bearbeitungen zu, 
die gleichwohl alle passend und charakteristisch sein können. Die Musik 
fügt dem Stimmungsgehalt des Textes einen höchst individuellen hinzu. 
Und die Aufgabe ist dann am besten gelöst, wenn beide mit einander ver¬ 
schmelzen, so dafs sie eins zu sein scheinen. Die Phantasie jedes einzelnen 
Zuhörers geht ihre eigenen Wege. Der Componist kann in dieser Be¬ 
ziehung nichts im voraus bestimmen. Die Ausdrucks Wirkungen sind daher 
mittelbare, secundäre Wirkungen. Verf. nimmt an, dafs es abseits von 
unserem sonstigen psychischen Leben ein besonderes Reich eigenartiger 
Bewufstseinsvorgänge giebt, die durch Musik irgendwelcher Art in uns 
direct hervorgerufen werden, und die wir am besten als musikalische Ein¬ 
drücke bezeichnen (Sehr wahr! Der Ref.). Die musikalischen Gemüts¬ 
bewegungen unterscheiden sich als musikalische Eindrücke wesentlich von 
unseren sonstigen aufsermusikalischen Gemütsbewegungen, die wir Gefühle 
nennen. Doch bestehen auf Grund dynamischer Aehnlichkeiten vielfache 
Beziehungen zwischen beiden. Auf Grund solcher Beziehungen ist die 
Musik im Stande, aufsermusikalische Seelenzustände, also Vorstellungen 
von Gegenständen, Bewegungsvorstellungen, Vorstellungen von lebenden 
Wesen, von bestimmten Personen, Gedanken und insbesondere Gefühle 
anzuregen, zu erwecken und auszudrücken. Der Eindruck ist das Gegebene, 
der Ausdruck secundäre Wirkung. Nach Hofmeister baut die reine Musik 
(Symphonien, Sonaten, Kammermusik u. s. w.) ein Ganzes aus bestimmten 
Keimelementen auf, welches durch die Gesammtheit seiner formalen 
Architectur befriedigend wirkt. Die affective Musik (Musik ohne Text, 
Vor- und Zwischenspiele der Bühnenmusik, Programmmusik) hat das Be¬ 
streben, besondere Gefühle und Vorstellungen auszudrücken. In der 
affectiven Musik handelt es sich um eine möglichst innige Verschmelzung 
des Musikalischen mit dem Poetischen. Würde es sich um möglichst 
deutlichen Ausdruck von Seelenzuständen handeln, dann würde die Musik 
eine untergeordnetere Rolle spielen, sie könnte im vorliegenden Falle so¬ 
gar störend wirken. Die Musik fügt den Wirkungen des Textes ihre 
eigenen als völlig neue hinzu, und der Zweck dieser Verbindung ist nicht 
gröfsere Deutlichkeit des Ausdrucks, sondern tiefere seelische Wirkung. 
Der ästhetische Genufs „liegt in der Hingabe an die durch Musik 
direct in uns erzeugten Eindrücke, er ist ein in jedem Augenblicke seines 
Bestehens wirkliches, lebendiges, individuelles Ergebnifs, ganz einzig in 
seiner Art.“ Giessler (Erfurt). 
L. Bruns. Die traumatischen Neurosen. Unfallsneurosen. Specielle Pathologie 
und Therapie, hrsg. v. Hermann Nothnagel, Bd. XII, Theil I, Abth. IV, 
131 S. Wien, Holder. 1901. 3,20 Mk. 
Eine übersichtliche, klare, erschöpfende und kritische Darstellung der 
Aetiologie, Symptomatologie, Diagnose, Prognose und Therapie der traumati¬ 
schen Neurosen bezw. Unfallsneurosen, also der nach Verletzungen und 
Erschütterungen des Körpers, sowie nach anderen Unfällen sofort oder 
nach mehr oder weniger langer Zeit eintretenden, eigentlichen Neurosen
        

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