Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Grundzüge einer Farbentheorie
Person:
Oppolzer, Egon Ritter von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33690/3/
Grundzüge einer Farbentheorie. 
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schaffen; denn eine solche Doppelempfindung unterscheidet sich 
von einer anderen solchen durch zwei Bestimmungsstücke. durch 
ihre Stärke (Helligkeit) und durch ihre Zusammensetzung ; diese 
Dimension wird als Qualität zu bezeichnen sein, als die Farbe; 
erstere als die Quantität, als die Helligkeit. Wir erklären also 
die Farbe nicht, indem wir wie die Young’sehe und zum Theil 
auch die Hering’sehe Theorie das, was der Farbenkreisel thut, 
auch in unser Auge verlegen, sondern basiren die Farben¬ 
empfindung ganz auf das Phänomen der Verschmelzung. Dieses 
allein ruft eben neue Dimensionen unseres Empfindungsgebietes 
hervor, es schafft Qualitäten. 
Das Phänomen der Farbe wird hiernach in physiologischer 
Hinsicht ganz analog dem akustischen der Klangfarbe. Beide 
verdanken ihr Entstehen dem gleichzeitigen Auftreten mehrerer 
Elementarempfindungen. Grundton und Obertöne erregen 
isolirte Nervenfasern und, da diese an und für sich farblosen 
Töne im allgemeinen gleichzeitig auftreten, so tritt eine Ver¬ 
schmelzung zu einer einzigen Tonempfindung ein, die dann 
,.gefärbt“ erscheint. Die Verschmelzung wird jedoch nicht so 
vollkommen wie im Gebiete der Gesichtsempfindungen erfolgen, 
weil eben oft auch der Ton, der dem Oberton entspricht, ohne 
den Grundton auf unser Gehörorgan fallen kann. Würden alle 
Grundtöne in der Natur das Intervall einer Octave umfassen, 
so würde ein Heraushören der Obertöne, wie es geübte Ohren 
im Stande sind, unmöglich sein. Die Klangfarbe ändert sich 
stetig, wenn die einzelnen Elementarempfindungen in ver¬ 
schiedener Stärke in die Empfindung eintreten und man ware 
dann ebenso berechtigt von einem Klangfarbenspectrum zu 
sprechen. So wird die folgende Theorie sich mit geringen 
Modificationen auch auf die Tonempfindungen anwenden lassen 
und überhaupt auf alle Empfindungen, die durch Verschmelzung 
einzelner Elementarempfindungen entstehen; ja man wird sagen 
können, dafs in den seltensten Fällen reine Elementar¬ 
empfindungen ins Bewufstsein treten, dafs fast jeder Reiz eine 
„Farbe“ besitzt und von differenten Elementarempfindungen be¬ 
gleitet ist.1 Die folgenden Untersuchungen dürften auch ein 
'berücksichtigt man, dafs jede Empfindung stets von Gefühlen be 
gleitet ist, so würde sich aus der Verschmelzung dieser mit den Empfin¬ 
dungen nicht nur die Qualität, sondern auch die Modalität — nach Helm- 
HOLTz’scher Terminologie erklären.
        

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