Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Hugo Feilchenfeld: Ueber die Größenschätzung im Sehfeld. Graefe's Arch. f. Ophthalm. 53, S. 401-422. 1902
Person:
Crzellitzer, Arthur
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33368/2/
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ÏÂteraturberieht 
reicht als naßal. Diese Erklärung finde eine Bestätigung in der Täuschung 
bei der Schätzung der verticalen Arme, sowohl untereinander, als auch mit 
den horizontalen verglichen. 
Bei ungezwungener Beobachtung tritt, sobald das Linienkreuz an¬ 
genähert wird, also der Gesichtswinkel sich vergröfsert, spontan als wesent¬ 
liches Hülfsmittel der Schätzung Angenbewegung ein, wodurch die 
Fehler eliminirt werden. 
Eine weitere Versuchsreihe war der Aufgabe gewidmet, eine gegebene 
Horizontale bei ungezwungenem Blick zu halbiren. Hierbei ist, wenn 
binocular gesehen wird, der Fehler sehr gering ; bei monocularer Schätzung 
wird — im Gegensatz zum obigen Resultate — die temporale Strecke von 
F. zu klein gemacht, also überschätzt. Bei 50 maliger Wiederholung auf 
kleinen Blättchen, die gleich nach der Markirung der provisorischen Mitte 
(also vor etwaiger Controlle durch Vergleichen der provisorischen Hälften) 
fortgezogen wurden, war der Fehler zwar in seiner Gröfse — durch Uebung 
— abnehmend, in seiner Tendenz constant. 
Hier führt F. zur Erklärung ein neues Moment ein ; nach ihm hat die 
hier ja freigegebene Bewegung für das Aufflnden der provisorischen Mitte 
gar keine Bedeutung. Benutzt wird vielmehr die Kenntnife des medianen 
Meridians, der durch das sog, „Cyclopenauge“ geht und zu unserem Kopfe 
immer gleiche Lage besitzt. Halten wir die Linie symmetrisch zu beiden 
Augen (binocular) so ergiebt diese ideale Medianebene die richtige Mitte, 
halten wir (monocular) die Linie symmetrisch zu einem Auge, so resulfcirt 
aus der Differenz zwischen dieser Ebene und der Richtungslinie des betr. 
Auges die Täuschung. Es ist ohne Weiteres klar, dafs bei verticaler 
Halbirung monocular oder binocular keinen Unterschied macht, da der 
Horizont des Doppelauges mit dem des Einzelauges zusammenfällt 
Beim Vergleich zwischen oberen und unteren verticalen Armen über¬ 
schätzt F. (bei genügend grofsen Gesichtswinkel) stets die obere Strecke. 
Aufser der Form des Sehfeldes, das nach unten sich ja weiter erstreckt 
als nach oben, kommt hier gleichsinnig die von Wundt schon betonte Blick- 
bewegungstäuschung hinzu, indem die nach unten erleichtert© Bewegung 
die untere Hälfte unterschätzen macht. 
Von den drei Factoren: Form des Sehfeldes, unbewufster Kenntnifs 
der Medialebene und der Horizontebene sowie Augenbewegung spielt nach 
F. der zuerst genannte immer eine Rolle ; die beiden anderen können seine 
Wirkung entweder verstärken oder vermindern. 
War bisher nur von normalem, physiologischem Sehfeld di© Rede, so 
verweist F. noch, gewissermaafsen als Anhang auf die Gröfsenschätzung 
bei Hemianopie. Der Halbblinde überschätzt in der That die nach der 
Seite der Gesichtsfeldbeschränkung liegende Hälfte. Auf der Basis der 
WuNDT’schen Anschauungen sollte die Ursache liegen in der erschwerten 
Blickbewegung auf der halbblinden Seite, wo die Contrôle der Wahr¬ 
nehmung fehle. Im Gegensätze hierzu erhält die F/sche These, dafs die 
Bewegung nichts damit zu thun habe, eine wesentliche Stütze durch einen 
in der referirten Arbeit nicht erwähnten Fall Lösäb’s 1 ein linksseitiger 
1 Arch. f. Augenheilkunde (März) 1902.
        

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