Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Dispositionspsychologisches über Gefühlscomplexionen
Person:
Saxinger, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33346/21/
IHspositionspsychologisches über Gefühlscomplexionen. 
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Nun soll noch untersucht werden, ob nicht vielleicht gleich¬ 
zeitig von der Superiusvorstellung und den Inferioren Vorstellungen 
Gefühlswirkungen ausgehen. Auf diese Frage sieht man sich 
durch die ebenso bekannte wie einfache Thatsache geführt, dafs 
die gleiche Melodie auf schlechtem Instrumente gespielt weniger 
gefällt, als wenn sie auf gutem zum Vortrage gelangt, und dafs 
die Tonwirkung eines guten Instrumentes die Lust an der 
Melodie zu erhöhen scheint Eine naheliegende Erklärung für 
Erscheinungen dieser Art bietet sich in der Annahme einer 
Compensation der Gefühle, bezw. einer gegenseitigen Ver¬ 
stärkung derselben. Man könnte meinen, die aus der Ton¬ 
wirkung stammende Unlust compensire einen Theil der mit der 
Melodie verbundenen Lust, und die Lust an dem schönen vollen 
Ton verstärke die Lust an der Melodie. Diese Erklärungs¬ 
weise wird demjenigen, der sich den Standpunkt der Gefühls¬ 
zusammensetzung zu eigen gemacht hat, um so willkommener 
sein, als sich so die Complexionsgefühle in gewissem Sinne nun 
doch wiederum als zusammengesetzte Gefühle darstellten. Es 
wTar schon früher die Gelegenheit gegeben, zu zeigen, dafs Com¬ 
pensation, bezw. gegenseitige Verstärkung der Gefühle als Special¬ 
fall der Gefühlszusammensetzung anzusehen sei. Das an anderer 
Stelle Gesagte braucht also hier blos wiederholt zu werden. Soll 
ein Theil von Lust durch Unlust oder umgekehrt ein Theil von 
Unlust durch Lust gleichsam vernichtet werden, oder soll ein 
Gefühl durch ein anderes verstärkt werden, so müfsten die be¬ 
treffenden Gefühle doch irgendwie ineinanderfliefsen, und das 
resultirende Gefühl müfste, so wie beider Gefühlszusammensetzung, 
als aus einem Vermengungsprocesse hervorgegangen gedacht 
werden. Das auf diese Weise entstandene Gefühl wäre dann hin¬ 
sichtlich seiner Intensität durch die Intensität der sich compen- 
sirenden, bezw. der sich gegenseitig verstärkenden Gefühle bestimmt. 
Könnten wir die Intensitäten der Gefühle durch Maafszahlen 
ausdrücken, so wäre die Intensität des aus dem Compensations- 
bezw. Verstärkungsprocesse stammenden Gefühles gleich der 
Differenz, bezw. der Summe der Intensitäten der in dem Ver- 
mengungsvorgange untergegangenen Gefühle. 
Für die Möglichkeit einer Compensation von Lust und Un- 
lust scheinen auch allgemein gangbare sprachliche Ausdrücke 
Zeugnifs abzulegen. Man spricht häufig davon, dafs ein Tropfen 
Unlust in dem Becher der Freude diese zu verbittern vermag,
        

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