Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Dispositionspsychologisches über Gefühlscomplexionen
Person:
Saxinger, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33346/19/
Diypcsitionspaychologisclicg über Oefühlscomplejcionen. 
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schäften und Züge der betreffenden Person vor unserem Auge 
passieren lassen, so finden wir gelegentlich zu unserem Erstaunen, 
dafs der Mensch, den wir sozusagen zerpflückt haben, aber auch 
nicht eine Eigenschaft oder ein Merkmal besitzt, das uns gefiele. 
Wie ist es also zu begreifen, dafs wir dennoch der Person selber, 
abgesehen von ihren Eigenschaften, die uns ja gleichgültig 
lassen, Sympathie entgegenbringen? Ich meine, die Frage löst 
sich durch die Besinnung, dafs hier das Sympathiegefühl seine 
Quelle anderswo haben mufs als in angeblichen Einzelgefühlen. 
Was uns sympathisch berührt, das ist die ganze Persönlichkeit 
in ihrer Eigenart, und das ist etwas anderes als die Summe der 
Eigenschaften und Merkmale. In der Persönlichkeit tritt uns, 
— um mit Ehrenfels zu sprechen —, eine Gestaltqualität5, also 
ein neuer Vorstellungsgegenstand entgegen, und diesem ist ein 
eigenes Gefühl, ein von der Betrachtung der Einzelheiten unab¬ 
hängiges Gefühl, eben das Sympathiegefühl zugeordnet. Das 
Beispiel bewährt sich natürlich auch in dem Falle, als man sich 
die Betrachtung der einzelnen Eigenschaften zur Gänze oder 
theilweise mit schwachen Lustgefühlsregungen verbunden denkt. 
Drittens: Endlich ist in Erwägung zu ziehen, inwieweit eine Ab¬ 
hängigkeit der Qualität des Totalgefühles von den Qualitätsver¬ 
hältnissen der Einzelgefühle constatirbar sein müfste. In dieser 
Beziehung könnte wohl als Grundsatz gelten, dafs bei gleicher 
Qualität sämmtlicher Einzelgefühle das Totalgefühl niemals ent¬ 
gegengesetzten Charakter annehmen könnte. Nun giebt es aber 
unstreitig Fälle, in welchen das mit der Complexionsvorstellung 
auftretende Gefühl etwa Lustqualität zeigt, während die an die 
Inferiorenvorstellungen gebundenen Gefühle Unlustgefühle sind. 
Man nehme z. B. an, dafs die einzelnen Eigenschaften einer 
Person geradezu mifsfallen, während die Persönlichkeit selber 
doch sympatisch berührt und man sieht, dafs das zur Com¬ 
plexionsvorstellung gehörige Gefühl und die den Inferiorenvor¬ 
stellungen zugeordneten Gefühle von entgegengesetzter Qualität 
sein können. Dem Sympathiebeispiel ist in der zuletzt ange¬ 
deuteten Form nun allerdings eine gewisse Künstlichkeit, welche 
natürlich der Beweiskraft Eintrag zu tlmn im Stande ist, nicht 
abzusprechen. Indes es stehen auch andere Thatsachen zur Ver- 
1 v. Ehrenfels. lieber Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschviß für wissen 
schuftliche Philosophie, Jahrgang 1890, S. 249—292.
        

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