Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
P. Grützner: Einige Versuche über stereoskopisches Sehen. Pflügers Archiv 90, 525-582. 1902
Person:
Trendelenburg, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33326/2/
Literatur bericht. 
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liegt in der stereoskopischen Vereinigung der gekrümmten Linien (an¬ 
nähernd Parabeln), als welche gerade Linien durch ein Prisma betrachtet 
erscheinen. Auch mit nur einem Prisma lassen sich ähnliche stereo¬ 
skopische Wirkungen erzielen. 
3. Stereoskopisches Sehen bei Veränderung des Augen¬ 
abstandes. Ein dem PoLLETSchen ähnlicher Apparat besteht aus zwei 
Glasplatten, die in veränderlichem Winkel aneinanderstofsen. Blickt man 
in den Winkel, so erscheint ein LXohlkörper vertieft und verkleinert, 
während er flacher und gröfser aussieht, wenn die Kante dem Beobachter 
zugewendet ist. Im ersten Fall werden die Augen durch Parallelverschiebung 
der Strahlen voneinander entfernt, im zweiten einander genähert. — Be¬ 
obachtungen mit dem Telestereoskop ergaben Abweichungen von den Helm- 
HOLTZschen Angaben. G. und andere Beobachter mit ihm, sehen eine Land¬ 
schaft nicht im Verhältnis der künstlichen zur natürlichen Augendistanz ver¬ 
kleinert, wie H., sondern weit weniger, und in den Tiefendimensionen ver- 
gröfsert. Die Unterschiede beruhen auf Täuschungen im Konvergenzgefühl, 
welches zur Beurteilung der Entfernung unzureichend ist. Die Gegen¬ 
stände werden im Telestereoskop nicht im Schnittpunkt der Blicklinien, 
sondern weiter entfernt gesehen. Gleiches gilt für nähere Objekte. An 
einem einfachen Prismentelestereoskop (s. Orig.) liefsen sich diese Er¬ 
scheinungen bei Betrachtung einer Hohlkugel weiter verfolgen; besonders 
deutlich wird die Tiefentäuschung, wenn man den Beobachter ihm unbe¬ 
kannte Gegenstände betrachten läfst. — Stereoskopische Photographien, die 
bei binokulärer Vereinigung mit blofsem Auge den Eindruck der ent¬ 
sprechend verkleinerten Gegend geben, erscheinen im Stereoskop wegen 
Vergröfserung der Konvergenz verflacht. Praktisch werden den „richtigen 
stereoskopischen Bildern", über deren Herstellung das Original näheres 
enthält, solche mit gröfserer Vertiefung vorgezogen. Wirklich ortho- 
skopisch (Heine) können tiefe Bilder stereoskopisch nicht gesehen werden ; 
für kleinere Körper wäre dies am besten mit dem RoLLMANNSchen Verfahren 
zu erreichen. — Der stereoskopischen Wirkung entgegengesetzt ist die 
eines „Hypostereoskopes", welches den Augenabstand scheinbar verringert. 
Vergröfserung und Verflachung der körperlichen Gegenstände tritt ein. 
Am umgekehrten Prismentelestereoskop lassen sich wieder die Haupt¬ 
erscheinungen bei Betrachtung einer Hohlkugel verfolgen. Die scheinbare 
Entfernung und Abflachung des Gegenstandes hängt ab von dem Grad der 
Annäherung der Augen und ihrer Konvergenz ; die Angaben der Beob¬ 
achter zeigen unzweifelhaft, dafs die Gegenstände nie in der Gröfse und 
der Entfernung gesehen werden, wo sie nach der Projektionstheorie ge¬ 
sehen werden sollten. Verflachende Wirkung tritt aufserdem ein, wenn 
zwei stereoskopische Bilder, welche mit zu geringem Abstand aufgenommen 
wurden, vereinigt werden, ferner wenn zwei stereoskopische Aufnahmen 
der Quere nach genähert werden, und schiiefslich wenn zwei stereo¬ 
skopische Bilder vergröfsert und bei gleichem gegenseitigen Abstand ihrer 
homologen Fernpunkte vereinigt werden. Letzterer Punkt ist für die Be¬ 
urteilung der Zuissschen Relieffernrohre wichtig, die ebenfalls eine ab¬ 
flachende Wirkung haben, weil die Vergröfserung durch die Gläser im 
Verhältnis zum künstlichen Augenabstand zu stark ist. — Wie sich durch
        

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