Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
P. Grützner: Einige Versuche über stereoskopisches Sehen. Pflügers Archiv 90, 525-582. 1902
Person:
Trendelenburg, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33326/1/
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Litera turberich t. 
sich dies zum Teil auf eine diffuse Erhellung des Gesichtsfeldes, zum Teil 
auf ein „Abblendungsgefühl“ zurückführen, welches in dem durch die 
Dunkelscheibe verdeckten Auge besonders nach etwas längerem Aufenthalt 
im Dunkelzimmer auftrat und als Organgefühl zu deuten ist. Auch wenn 
ein Auge nicht völlig vom Sehen ausgeschlossen ist, sondern nur ein un¬ 
deutlicheres Bild empfängt, gestattet das Abblendungsgefühl meist ein 
richtiges Urteil. Bei monokularem Sehen ist also ein Urteil darüber, 
wrelches Auge sieht, nur indirekt durch Nebenumstände möglich; bei 
binokularem Sehen ist hingegen bei gleicher Beleuchtung und Bilddeutlich¬ 
keit für beide Augen eine Entscheidung unmöglich. 
W. Trendelenburg- (Freiburg i. Br.). 
P. Grützner. Einige Versuche über stereoskopisches Sehen. Pflügers Archiv 
90, 525—582. 1902. 
Die Untersuchungen dieser Abhandlung befassen sich mit dem Roll- 
MANNsehen Farbenstereoskop, mit stereoskopischer Wirkung durch Prismen 
und stereoskopischem Sehen bei Veränderung des Augenabstandes. 
1. Das ßoLLMANNSche Farbenstereoskop. Das Prinzip des¬ 
selben liegt den neueren „Anaglyphen“, „Stereographen“ zu Grunde und 
besteht in der Anwendung von verschiedenen Farben für die beiden in¬ 
einandergezeichneten stereoskopischen Bilder, sowie in Betrachtung der¬ 
selben durch entsprechend verschieden gefärbte Gläser. Sind z. B. die 
Bilder rot und blau, so sieht das eine Auge durch ein rotes, das andere 
durch ein blaues Glas; da jedes Auge nur das eine der farbigen Bilder 
sieht, ist die stereoskopische Wirkung verständlich. Pseudoskopische 
Wirkungen lassen sich leicht durch Vertauschen der Brillengläser erzielen. 
Abweichend von den anderen Stereoskopen wird pseudoskopische Wirkung 
auch erzielt, wenn man das Bild auf den Kopf stellt. Diese Erscheinung 
wird an dem Beispiel einfacher stereoskopisch wirkender Zeichnungen 
näher erläutert. Erscheint z. B. eine Zeichnung bei gewöhnlicher Lage als 
über dem Papier schwebender abgestumpfter Kegel, so erscheint dieser bei 
Umkehren des Bildes hinter dem Papier als Hohlkörper. Zugleich ändern 
sich aber die scheinbaren Gröfsenverhältnisse wegen der veränderten 
Konvergenz der Augen, obwohl die Netzhautbilder in beiden Fällen gleich 
sind. Besonders gut gelingen die Versuche an Zeichnungen, die in 
gröfserem Mafsstab ausgeführt wurden. Geben zwei Farbenkreise das Bild 
eines vor dem Papier schwebenden dunklen Ringes, so entsprechen dessen 
scheinbare Gröfse und scheinbarer Abstand von der Fläche genau den 
konstruierten Werten; der Ring erscheint also da, wo die Sehlinien sich 
kreuzen. Bei Änderung des Abstands der Augen von der Zeichnung 
ändert sich die scheinbare Entfernung des Ringes vom Papier gleichsinnig. 
2. Stereoskopische Wirkung durch Prismen. Betrachtet 
man durch ein Prismenpaar (4—8°) miteinander zugewendeten brechenden 
Kanten von oben eine Tischplatte, so erscheint diese muldenförmig, dazu 
näher und kleiner. Werden die brechenden Kanten schläfenwärts gehalten 
so erscheint die Tischplatte nach oben gewölbt, entfernter und gröfser. 
Die Täuschung über Entfernung und Gröfse beruht auf der veränderten 
Konvergenz der Sehaxen. Die Ursache der Vertiefung bezw. Wölbung
        

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