Bauhaus-Universität Weimar

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Emil Kraepelin. 
grundes psychische Spannungszustände mit der Neigung zu mehr 
oder weniger heftiger Reaction hervorzurufen im Stande sein werden. 
Die adäquate Form des Ausgleiches für den Spannungszustand des 
Komischen ist das Lachen. Man hat daher vielfach das Lächerliche 
mit dem Komischen ohne Weiteres identificirt ; so bezeichnet Hecker 
»als komisch oder lächerlich Dinge, welche den Affect des Lachens er¬ 
regen«. Allein nicht jede Komik erzeugt in gleicher Weise das Lachen, 
ebensowenig wie jeder Schmerz zum Weinen oder Schreien führt, ob¬ 
gleich diese Entladungen als die natürlichen Reactionen auf denselben 
betrachtet werden müssen. Der behagliche Humor des »Gaudeamus«, 
die feine witzige Komik Heine’s erfüllen uns einfach mit der ange¬ 
nehmen Befriedigung komischer Gefühle, während »Hans Huckehein«, 
die Jobsiade oder irgend ein hei den Haaren herbeigezogener »Kalauer« 
uns vielleicht gegen unseren Willen zu den ergiebigsten Lachaus¬ 
brüchen hinreißen. Wenn wir somit auch einen eigentümlichen psy¬ 
chischen Spannungszustand, die mehr oder weniger ausgesprochene 
Neigung zum Lachen als regelmäßigen Begleiter des Komischen an- 
sehen müssen, so ist doch jene Ausdrucksbewegung selbst keineswegs 
für dieses Letztere charakteristisch, jum so weniger, als ja auch ein¬ 
fache Affecte der Freude wenigstens das Lächeln hervorzurufen ver¬ 
mögen. Ein anderer Gemütszustand ist es, in dem die Braut lächelnd 
dem erwarteten Geliebten entgegeneilt,'als derjenige , in dem sie lä¬ 
chelnd entdeckt, dass sie sich in der Dämmerung nicht jenem, sondern 
dem eigenen Bruder in die Arme geworfen hat. 
In welcher Weise der Spannungszustand des Komischen auf der 
Grundlage der bestehenden Gefühle zu Stande kommt, ist unbekannt. 
Uns bleibt nur übrig, zu untersuchen, unter welchen Bedingungen 
derselbe eine solche Höhe gewinnt, dass die adäquate motorische 
Reaction, das Lachen, wirklich erfolgt. Sehr zutreffend pflegt man 
diese Seite des Komischen als das »Drastische« zu bezeichnen; die 
Stärke der erreichten Spannung und somit die Ausgiebigkeit des La¬ 
chens ist ja ein directes Maß für die Intensität der augenblicklichen 
Wirkung, welche durch die Komik auf unser Seelenleben ausgeübt 
wird. Dass darum die Nachhaltigkeit jener Wirkungen von ganz an¬ 
deren Momenten abhängig sein und sich sogar entgegengesetzt ver¬ 
halten kann, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung. 
Das Drastische hat ein gewisses Analogon auf dem Gebiete der
        

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