Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Viktor Goldschmidt: Über Harmonie und Komplikation. Berlin 1901, Julius Springer, 136 S.
Person:
Hornbostel
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33282/2/
Liter aturbericht. 
437 
Bezug auf die Hauptflächen zahlenmäfsig bestimmt, auf andere Gebiete zu 
übertragen. Bei der Ableitung der Grundzüge einer musikalischen 
Harmonielehre geht er von der Voraussetzung aus, dafs ein Ton und seine 
Oktave und somit ein Akkord und seine Umkehrungen „harmonisch gleich¬ 
wertig“ seien. „Harmonisch“ ist „eine Gruppierung oder Gliederung, die 
unser Geist, als seinem Wesen und den Sinnen angepafst, dem Gemüte 
wohltuend aus der Welt der Erscheinungen ausgewählt oder, die Aufsen- 
welt verändernd, schafft.“ Nimmt man einen Ton und seine Oktave, analog 
den Hauptflächen, zu Ausgangspunkten, so soll das Komplikationsgesetz 
die zwischenliegenden Töne bestimmen: Die Tonkombinationen der ge¬ 
bräuchlichen Akkorde sollen „harmonischen Reihen“ der Krystallographie 
entsprechen, ebenso die Folgen der Grundtöne der Akkorde in einigen 
analysierten Musikstücken. Die harmonischen Reihen sind mehr oder 
minder vollkommen symmetrisch. Die Mollleitern und -akkorde werden 
als Spiegelbilder („fallende Harmonie“) der Durkombinationen („steigende 
Harmonie“) aufgefafst, wie es in ähnlicher Weise schon von v. Oettingen 
und Riemann vorgeschlagen worden ist. Zur Erklärung unserer diatoni¬ 
schen, chromatischen und enharmonischen Leitern wird das pythagoreische 
Prinzip des Quintenzirkels („Fortbildung auf der Dominante“) heran¬ 
gezogen. 
Neben zahlreichen bestechenden Analogien finden sich viele Punkte, 
an denen das Komplikationsgesetz zur Erklärung musikalischer Tatsachen 
versagt. Zunächst beschränkt sich seine Anwendbarkeit auf die harmoni¬ 
sche Musik des europäischen Kulturgebietes. Die Hypothesen zur Erklärung 
exotischer Tonsysteme sind gänzlich haltlos. Das Moment der Symmetrie 
ist auf akustischem Gebiet nicht so allgemein anwendbar, wie auf optischem. 
Das Komplikationsgesetz führt zu reinen und harmonischen Intervallen 
(5:7, 4 : 7), Klavierversuche in temperierter Stimmung können daher über 
die Annehmlichkeit „harmonischer Folgen“ nicht entscheiden. Viele ge¬ 
bräuchliche Kombinationen, wie der verminderte Septakkord, bleiben un¬ 
erklärt. Dafs sich einfache, gröfstenteils aus Dreiklängen aufgebaute Musik¬ 
stücke, zumal ohne Berücksichtigung der Stimmführung und der relativen 
Tonlage, auch durch harmonische Zahlen darstellen lassen, scheint nicht 
so wunderbar, wie Verf. meint. 
Die Fähigkeit zur „vorzugsweisen Aufnahme der zu einem Grundton 
gehörigen harmonischen Töne“ soll physiologisch nicht im Gehirn, sondern 
im Ohr gründen. Verf. verwirft daher die PlELMHOLTzsche Hörtheorie (auch 
das pathologische Phänomen der Tonlücken spreche, da nicht bekannt, 
gegen Helmholtz!) und gelangt auf deduktivem Wege zu einer der 
EwALDschen verwandten Hypothese. Das „harmonische Organ“ des Ohres, 
etwa das Trommelfell oder die Basilarmembran, soll sich auf einen be¬ 
stimmten Ton durch eine bestimmte Spannung akkommodieren und bei 
eben dieser Spannung nur zur Aufnahme der harmonisch zugehörigen Töne 
(durch Knotenbildung) befähigt sein. Die Akkommodation erfolgt durch 
Spannmuskeln reflektorisch oder auch (bei gedachten, erinnerten Tönen) 
willkürlich. Disharmonische Töne sollen nicht simultan, sondern nur durch 
raschen Spannungswechsel perzipiert werden können. Dissonanz könne
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.