Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ch. Féré: Sensation et mouvement, étude experimentale psycho-mécanique. 2. Aufl. Paris, Alcan, 1900. 176 S.
Person:
Piper, H.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33271/1/
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Ch. Féré. Sensation et mouvement, étude experimentale psycho-mécanique. 
2. Aufi. Paris, Alcan, 1900. 176 S. 
Der Verf. sucht die Abhängigkeitsbeziehungen, welche zwischen Reiz, 
Empfindung und deren psychischen Folgevorgängen einerseits und so¬ 
genannten „willkürlichen“ und „unwillkürlichen“ motorischen Leistungen 
der Muskeln andererseits bestehen, durch messende Untersuchungen zu 
erschliefsen und kommt auf Grund seiner Resultate zu weitgehenden 
philosophisch - spekulativen Schlüssen. 
Die tatsächlichen Feststellungen ergaben in erster Linie, dafs mit 
jeder psychischen Erregung (Reiz) eine Veränderung der gesamten 
Muskulatur parallel geht; und zwar vollzieht sich dieselbe völlig unab¬ 
hängig vom Bewufstsein und Willen. Durch jeden psychischen Vorgang, 
durch Willensanstrengung, Aufmerksamkeit etc. wird die Energie auch 
solcher Muskeln modifiziert, welche bei der beabsichtigten Leistung nicht 
direkt in Betracht kommen: es wird also stets das ganze Individuum in 
Aktion gesetzt. Zweifellos sind bei Erregung der Psyche durch bestimmte 
sensible oder sensorische Reize auch bestimmte Muskeln bezüglich der 
Tonuserhöhung bevorzugt, doch erstreckt sich der Einflufs des Reizes auf 
alle, sogar bis auf die glatten Muskeln. 
Féré gewann diese Ergebnisse durch Messungen am Dynamometer, 
wobei gewöhnlich die Energie der Fingerbeuger als Indikator für all¬ 
gemeine Tonusveränderungen benutzt wurde. Es zeigte sich dabei, dafs 
mit fast allen akustischen, optischen und sensiblen Reizen und mit der 
Auslösung von Geschmacks- und Geruchsempfindungen eine dynamo¬ 
metrisch bestimmbare Veränderung der Arbeitsfähigkeit der geprüften 
Muskeln verknüpft ist. Dabei erweisen sich bestimmte Reize von be¬ 
sonders mächtiger tonisierender Wirksamkeit, z. B. rotes Licht, Töne von 
grofser Intensität und gewisser, individuell variabler Höhe und Klang¬ 
farbe, ferner salziger Geschmack, Tabak etc., weniger Zuckergeschmack 
und in absteigender Folge gelbes, grünes, blaues und violettes Licht etc. 
Ein spezielles, aus dem täglichen Leben bekanntes Beispiel für die unab¬ 
hängig vom Willen, also automatisch sich vollziehenden motorischen Folgen 
psychischer Vorgänge sind das Mienenspiel und die Gestikulationen; für 
beide wie überhaupt allgemein gilt der Satz, dafs die Intensität der 
motorischen Energie abhängig ist von der Intensität ihres psychischen 
Korrelates. 
Auch auf die glatte Muskulatur erstreckt sich der Einflufs sensibler 
Reize und aller möglichen psychischen Vorgänge: der Tonus der Darm¬ 
muskulatur wird durch gewisse derartige Ursachen erhöht. Ferner zeigt 
Féré in spezieller Ausführung, dafs mit jeder psychischen Erregung der 
Mutter Kontraktionen der Muskulatur des graviden Uterus parallel gehen, 
welche ihrerseits die Ursache für Bewegungen des Fötus abgeben und 
durch diese sozusagen registriert werden können. 
Lustgefühl erregende Reize steigern, Unlust erzeugende vermindern 
die Energie der Muskelkontraktionen, wie die Dynamometrie zeigt. Da 
jeder Affekt, jeder psychische Vorgang ein motorisches Äquivalent speziell 
in der mimischen Muskulatur, aber auch in allen anderen Muskeln hat, 
so ist auch das „Gedankenlesen“ möglich und erklärlich; es ist nicht nötig,
        

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