Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
C. M. Giessler: Über den Einfluß von Kälte und Wärme auf das seelische Funktionieren des Menschen. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, N. F., 1 (3), 319-338. 1902
Person:
Kreibig
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33261/1/
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Literaturbericht. 
Verf. das vorliegende Werk geschrieben, in welchem er eine systematische 
Darstellung der Psychologie und Logik gibt und der eingehenden Behand¬ 
lung des Normalen in jedem Kapitel einen knappen Abrifs der patho¬ 
logischen Verhältnisse gegenüberstellt. Das Ganze ist in sechs Abschnitte 
geteilt; darin werden Fühlen, Denken, Wollen, Gedächtnis, Lust und Unlust, 
Bewufstsein behandelt. Der erste Abschnitt ist ohne ersichtlichen Grund 
sehr kurz gehalten und geht sehr wenig ins Spezielle. Das WEBEEsehe Ge¬ 
setz wird sozusagen nur en passant behandelt. Dagegen geht der Verf. im 
zweiten Abschnitt mit gröfster Ausführlichkeit auf die Arten der Schlufs- 
bildung ein und gibt lange Erörterungen über Trugschlüsse, über Wahr¬ 
scheinlichkeit, Irrtum etc. Nur wenige Zeilen sind der Apperzeption ge¬ 
widmet. Verf. erblickt in ihr keine besondere Funktion, sondern nur eine 
Form des Denkens. Für keinen bestimmten Standpunkt entscheidet er sich 
in der Theorie der Hallucinationen. 
Noch einiges ist zu erwähnen, was das Buch nicht enthält, da aus 
dem Titel darüber nichts hervorgeht. Die experimentelle Psychologie hat 
keinen Raum darin gefunden. Auch stellt der Verf. keinerlei Beziehungen 
zwischen der Psychologie und der Anatomie des Zentralnervensystems und 
der Sinnesorgane her. Die Frage des „Parallelismus“ wird nicht berührt. 
Somit haben wir ein rein abstrakt gehaltenes Werk vor uns, das 
wegen eben dieser Eigenschaft in medizinischen Kreisen, für die es speziell 
berechnet ist, nicht leicht Anklang finden wird. Was der Verf. uns aber 
gibt, das bietet er uns in klarer Darstellung und origineller Form. Was 
das Werk interessant macht, ist das rein Subjektive, das der Verf. hinein¬ 
gelegt hat. Er will zeigen, wie er den Fragen gegenübersteht und gibt 
uns so gewissermafsen ein Werk aus einem Guts. Diese Eigenart zeigt 
sich äufserlich schon darin, dafs das Buch auf mehr als 500 Seiten nicht 
eine einzige Fufsnote mit Literaturnachweisen u. dergl. enthält. — Die vor¬ 
liegende Arbeit bildet eine Fortsetzung und Ergänzung früherer Publi¬ 
kationen Meeciers: „Nervous System and the Mind“ und „Sanity and 
Insanity.“ K. Abraham (Dalldorf). 
C. M. Giessler. Über den Einflufs von Kälte und Wärme auf das seelische 
Funktionieren des Menschen. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philo¬ 
sophie, N. F., 1 (3), 319—338. 1902. 
Bei empfindlicher Kälte und Hitze, so führt der Verf. aus, werden im 
Organismus Selbstregulierungen ausgelöst, welche eine Beschränkung des 
erhaltungswidrigen Wärmeverlustes bezw. Wärmezuwachses bezwecken. 
Diesen physiologischen Vorgängen entspricht im Psychologischen eine „Ver¬ 
minderung der Vorstellungsmaterie“ und eine qualitative „Veränderung der 
Vorstellungsgrundlagen, u. zw. des Aufmerkens, des Erzeugens und Fest¬ 
haltens der Vorstellungen. Die Kälte sowohl wie die Hitze „hat ein Über¬ 
handnehmen der Vorstellungsgefühle gegenüber den ausgeprägten Vorstel¬ 
lungen zu Folge“. Unvollständigkeit, Unbestimmtheit, Schnelligkeit und 
Diskontinuität im Vorstellen, Willensschwäche und ethischer Laxismus be¬ 
gleiten solche Temperaturextreme. Nach der Ansicht des Verf.s soll bei 
Kälte eine Abstumpfung, bei Hitze dagegen eine Steigerung des Wider¬ 
willens gegen Unästhetisches eintreten. „Am günstigsten für das Bestehen
        

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