Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ch. A. Mercier: Psychology, Normal and Morbid. London, Swan Sonnenschein; New York, Macmillan; 1901. 518 S.
Person:
Abraham, K.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33260/1/
Literaturbericht. 
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t eilig en z als dem formalen Hauptfaktor (136). Anlehnend an moderne 
Untersuchungen Flechsigs über die Gehirnentwicklung, nimmt E. es als 
wahrscheinlich an, dafs die Gewissensanlage einer hohen Kulturstufe von 
vornherein eine andere, höhere sei, als die einer niederen (138 ff.). 
III. Bei dieser Analyse des Gewissens mufs es zunächst Bedenken 
erregen, dafs das soziale Moment so ausschliefslich in den "Vordergrund 
gestellt wird. Es gibt doch zweifellos auch ethische Wertschätzungen und 
entsprechende Gewissensvorgänge, in denen die Rücksicht auf das Wohl 
und Wehe anderer Wesen gar nicht in Frage kommt. Wer wollte z. B. 
die Gewissensforderung der Keuschheit, soweit sie lediglich auf eigene 
Reinerhaltung sich erstreckt, auf das „soziale Gemeingefühl“ zurückführen. 
Dafs zuletzt alle in der individuellen Persönlichkeit erreichte ethische Voll¬ 
kommenheit und Tugendhaftigkeit auch der sozialen Gemeinschaft irgendwie 
zu gute kommen wird, ist unbestreitbar; aber etwas anderes ist es, jenes in¬ 
dividuell Ethische nun ausschliefslich in seiner sozialen Bedeutsamkeit 
begründet finden zu wollen, womit m. E. dem psychologischen Tatbestände, 
wie er in der hier in Frage kommenden ethischen Werthschätzung vorliegt, 
einfach Gewalt getan würde. Vollends würde diese Ausdeutung mit E.s 
Forderung unvereinbar sein, nichts in die Wesensbestimmung des Ge¬ 
wissens aufzunehmen, was nicht im Gewissensvorgang selbst bewulst gegen¬ 
wärtig sei (89). — Aber auch bei den auf andere gerichteten Handlungen 
wird man in dem Sich - hineinfühlen in deren Zustand das Charakteristische 
der Gewissensregung oder ihrer Ursache doch nicht suchen dürfen; denn 
alsdann müfste das Gewissen bei den unverschuldeten Folgen der Handlung 
mit gleicher Lebhaftigkeit reagieren, wie bei den beabsichtigten, was E. 
mit Recht leugnet. — E.s Analyse berücksichtigt zu wenig die aktuellen 
Erlebnisse des guten und bösen Gewissens und deren psychologischen Zu¬ 
sammenhang mit dem bisherigen Entwicklungsgänge des Individuums, 
kurz, die spezifisch individuellen Momente der Gewissenserscheinung. Die 
individuellen Gewissenserlebnisse hängen nicht von den letzten Wert¬ 
schätzungen ab, denen unsere generelle Gewissensentwicklung zustrebt, 
sondern von denen, die wir in unserer individuellen Entwicklung er¬ 
reicht haben. Indem E. das in der Erfahrung hier deutlich sich kund¬ 
gebende Moment der Abmessung des eigenen Verhaltens an der bisher von 
uns selbst erreichten ethischen Bildung und Einsicht geflissentlich beiseite 
schiebt (89 f.), begibt er sich der Möglichkeit, den Tatsachen des eigent¬ 
lichen GewissensVorganges in dem Mafse gerecht zu werden, wie es seinen 
im übrigen höchst sorgsamen Untersuchungen wohl zu wünschen wäre. 
Wentscher (Bonn). 
Ch. A. Mercier. Psychology, Normal and Morbid. London, Swan Sonnen¬ 
schein; New York, Macmillan; 1901. 518 S. 
Der Verf. hat, wie er im Vorwort erklärt, von jeher den Mangel an 
einem Lehrbuch empfunden, welches die normalen psychischen Erschei¬ 
nungen und die krankhaften Abweichungen nebeneinander behandelt. Der 
Arzt, welcher sich mit den letzteren beschäftigt, sollte mit Kenntnissen in 
der normalen Psychologie ausgerüstet sein. Für seinen Gebiauch hat dci
        

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