Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Eduard Martinak: Psychologische Untersuchungen über Prüfen und Klassifizieren. "Österreichische Mittelschule" 14 (2 u. 3). 1900. Auch separat: Wien, A. Hölder, 1900. 19 S.
Person:
Weiss
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33254/1/
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Literaturbericht. 
Eduard Martinas. Psychologische Untersuchungen über Prüfen und Klassi¬ 
fizieren. „ Österreichische Mittelschule“ 14 (2 u. 3). 1900. Auch separat : 
Wien, A. Holder, 1900. 19 S. 
* * • 
Die vorliegenden Untersuchungen bilden den Inhalt eines Vortrages, 
den der Verf. Ostern 1900 in der ersten Vollversammlung des VII. deutsch¬ 
österreichischen Mittelschultags in Wien gehalten hat. Ausgehend von der 
Tatsache, dafs häufige Prüfungen in Österreich mehr noch als in Deutsch¬ 
land an der Tagesordnung sind, wirft der Verf. die Frage auf, welche 
Evidenz den Prüfungsresultaten beigemessen werden dürfe. Er gelangt 
dabei zu einem wesentlich negativen Resultate. Bei der Untersuchung, ob 
und in welchem Grade eine bestimmte Disposition in einem Schüler vor¬ 
handen sei, sind wir darauf angewiesen, dadurch, dafs wir gewisse Leistungen 
provozieren, jene Disposition indirekt zu ermitteln. Wir können nicht mit 
Sicherheit von der Gröfse der Leistung auf diejenige der Disposition 
schliefsen ; gehen wir nicht bis zur oberen Grenze der Leistung, so unter¬ 
schätzen wir die guten Schüler, gehen wir so weit, so stehen wir der Gefahr 
der Überanstrengung gegenüber. Ferner gibt es für die Leistungen keine 
feste Mafseinheit, auch durch gewisse Zonen, wie üblich, läfst sich das 
Kontinuum der Schülerleistungen nur mit vagen Grenzen einteilen. 
Aufser den Störungen intellektueller Leistungen durch Gefühlstat¬ 
bestände, ergeben sich Fehler durch den Standpunkt des Beurteilers. Der 
objektive, absolute Standpunkt führt zur Grausamkeit, der relative und der 
individualisierende Standpunkt führt leicht zum anderen Extrem. Auch 
der ethische Standpunkt, der den Fleifs in Anschlag bringt, kann exakte 
Resultate nicht liefern. Im allgemeinen werden sich bei der Beurteilung 
mehrere von diesen Standpunkten vermengen. Schon die Skala der Be¬ 
nennungen zeigt dies; z. B. liegt in „lobenswert“ und in „befriedigend“ 
eine ethische Wertschätzung, während durch „genügend“ der absolute 
Standpunkt vertreten wird. Der Verf. gelangt zu dem beherzigenswerten 
Resultat, dafs ein so unsicheres Verfahren nur mit Mafs und, wenn absolut 
notwendig, angewendet werden darf und dafs es von weit höherem Werte 
ist, das Interesse des Schülers für den Stoff zu heben, als des öfteren die 
Leistungen zu kontrollieren. Weiss (Grofs-Lichterfelde). 
T. L. Bolton. A Biological View of Perception. Psychol. Review 9 (6), 537—548. 
1902. 
Verf. beginnt mit der Behauptung, dafs ein wichtiger Bestandteil jeder 
Vorstellungstätigkeit bisher allgemein vernachlässigt worden sei. Der Be¬ 
schreibung einer Vorstellung als eines Empfindungskomplexes setzt er die 
folgende entgegen: „Vorstellung ist eine Stellungnahme zu einem Objekt 
ebensowohl als ein Empfindungskomplex.“ Die niedrigste Art der Vor¬ 
stellung ist eine unbewufste Tätigkeit. In den niedrigeren Tierformen ist 
Vorstellung gleichbedeutend mit Instinkt. Rieht Farbe und Form sind für 
einen Frosch die wichtigsten Bestandteile der Vorstellung Schlange oder 
Fliege, sondern seine eigenen Reaktionen, die durch die Empfindungen 
ausgelöst werden. Unterscheidung von Einzelheiten ist nicht die Ursache 
verschiedener Reaktionen gegenüber Objekten, die im allgemeinen ähnlich 
sind; sondern die verschiedenen Reaktionen führen zu verschiedenen Er-
        

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