Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Broder Christiansen: Erkenntnistheorie und Psychologie des Erkennens. Hanau, Clauss & Feddersen, 1902. 48 S.
Person:
Moskiewicz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33249/2/
Literaturbericht. 
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als Aufgabe gegeben, und wollen wir diese Aufgabe näher betrachten, so 
müssen wir die Mittel aufsuchen, die zur Lösung dieser Aufgabe führen. 
Die Methode der Erkenntnistheorie wird also teleologisch sein. Aus der 
als Endziel aufgestellten Aufgabe werden deduktiv andere Aufgaben ent¬ 
wickelt, die zur Erreichung der ersteren dienen sollen. Die Aufgabe be¬ 
steht nun darin, einem Objekte denjenigen Wert beizumessen, der ihm zu¬ 
kommt. Da man aber im Verlaufe des Denkens dazu kommen kann, ein 
Objekt als wertlos zu verwerfen, negative Urteile aber nie eine Be¬ 
reicherung unserer Erkenntnis bilden können, so mufs die Aufgabe dahin 
abgeändert werden, Objekte so umzuformen, dafs wir sie als wertvoll an¬ 
erkennen müssen. 
Für die Erkenntnistheorie ist es nun ganz gleichgültig, ob die Objekte, 
an denen sich das Urteil vollzieht, wirklich vorhanden sind, oder ob sie 
nur undeutlich zum Bewufstsein kommen; ob andererseits das Gefühl der 
Tätigkeit immer bewufst vorhanden ist, oder hinter anderen Erlebnissen 
zurücktritt. Und tatsächlich ist oft statt der Objekte nur ein Surrogat vor¬ 
handen, ebenso wie für die Strebungen. Aufgabe der Psychologie ist, diese 
Surrogate näher zu untersuchen; die Erkenntnistheorie hat es nur mit der 
Bedeutung und dem Werte, der diesen Objekten beigelegt wird, zu tun. 
Um richtig zu urteilen, d. h. um dem Objekt den ihm zukommenden 
Wert beizulegen, mufs ich um diesen Wert wissen und mein Urteil auf 
dieses Wissen gründen; ferner mufs mein Urteil unvergänglichen Wert 
haben, jeder andere und zu jeder Zeit mufs zu demselben Urteile ge¬ 
langen, wie ich jetzt. 
So wären der Satz vom Grunde, der Identität und vom Widerspruch 
hergeleitet aus der Aufgabe, richtig zu urteilen. Diese Sätze sind Normen, 
nicht Naturgesetze des Denkens; sie besagen, dafs nur bei ihrer Befolgung 
richtig geurteilt werden kann. Wären sie reine Naturgesetze, des Denkens, 
so könnten nie Denkfehler gemacht werden. 
Das Bewufstsein des Wertes eines Objektes, das #doch notwendig ist, 
um richtig zu urteilen, wird nun in letzter Linie zurückgeführt auf ein 
Gefühl, das uns den Wert unmittelbar zum Bewufstsein bringt, ein soge¬ 
nanntes Wahrheitsgefühl. Es bedeutet, dafs im gegebenen Falle so und 
nicht anders geurteilt werden soll, es ist also ein Gefühl der Urteils¬ 
notwendigkeit. 
Wenn ein richtiges Urteil Allgemeingültigkeit und schlechtsinniges 
Gelten verlangt, so heifst das, dafs dem Objekte gegenüber immer eine 
identische Stellung eingenommen werden mufs. Der Urteilende mufs also 
zu einem unveränderlichen und identischen Subjekte werden, oder 
wenigstens danach streben. Dieses als Ideal gedachte Subjekt ist das er¬ 
kenntnistheoretische Subjekt, im Gegensatz zum empirischen Individuum, 
das in seinen Urteilen Schwankungen ausgesetzt ist. 
Erkenntnistheoretisches und empirisches Subjekt unterscheiden sich 
nun des weiteren noch durch folgendes voneinander: Ersteres ist mit sich 
identisch, letzterer ist in seinen Funktionen wandelbar, ersteres ist der Be¬ 
ziehungspunkt nur der richtigen Urteile, letzteres aller psychischen Akte. 
Ersteres ist nicht wirklich, sondern nur ein Ideal, nicht gegeben, sondern
        

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