Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Broder Christiansen: Erkenntnistheorie und Psychologie des Erkennens. Hanau, Clauss & Feddersen, 1902. 48 S.
Person:
Moskiewicz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33249/1/
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Literaturbericht. 
Widerstände an einer Reaktionsbewegung gehindert wird, diese später nach 
Aufhören des Reizes noch nachholen kann, sofern der Widerstand gehoben 
ist; woraus sich eine weitgehende Selbständigkeit des Reizaufnahmevor- 
ganges (sensation) und der Reaktionsbewegung (réaction) ergibt. 
Im Sinne einer derartigen Selbständigkeit hat D. auch die Muskeln 
(Gastrocnemius des Frosches) untersucht. Seine Versuche zeigen, dafs von 
einem Muskel, welchen man etwTa zur Hälfte sorgfältig eingegipst hat, so 
dafs sich das eingeschlossene Stück durchaus nicht bewegen kann, bei 
wiederholter Reizung vorwiegend nur der freigelassene Teil ermüdet, 
obgleich der vom Gips umschlossene die Reize empfangen und fortgeleitet 
hatte. Befreit man den Muskel, sobald das freie Ende keine Zuckungen 
mehr verzeichnet, aus seiner Gipsumhüllung während die rhythmische 
elektrische Reizung weitergeht, so beginnt jetzt eine neue Zuckungsreihe, 
welche von dem bisher an der Reaktionsbewegung verhindert gewesenen 
Muskelabschnitt herrührt. Der Verf. variiert diesen Versuch in mannig¬ 
facher Weise und kommt nach experimenteller Ausschaltung anderer Er¬ 
klärungsmöglichkeiten zu dem Ergebnis: Der Muskel vermag einen Reiz 
aufzunehmen und fortzuleiten, ohne eine Reaktionsbewegung auszuführen, 
und es wird bei fortgesetzter Reizung vorwiegend nur die Fähigkeit der 
Reaktionsbewegung, also der Kontraktion, durch Ermüdung be¬ 
einträchtigt, während die Reizbarkeit und das Reizleitungs¬ 
vermögen wenig von letzterer betroffen wird; woraus sich auch beim 
Muskel eine beträchtliche Unabhängigkeit des Vorganges der Reizbewegung 
von dem der Reizaufnahme und Reizleitung ergebe. Jensen (Breslau). 
Brodee Christiansen. Erkenntnistheorie und Psychologie des Erkennens. Hanau, 
Clauss & Feddersen, 1902. 48 S. Mk. 1,50. 
Seit Locke und Hume erkenntnistheoretische Fragen psychologisch zu 
lösen versuchten, hat man es immer wieder versucht, trotz Kant, die 
Psychologie zum Fundament und Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie zu 
machen. Und doch behandeln beide Wissenschaften dasselbe Problem der 
Erkenntnis von ganz verschiedenen Standpunkten aus. 
Unser Erkennen vollzieht sich in Urteilen, Urteile aber sind 
psychische Gebilde und gehören als solche der Psychologie an. Diese 
hat festzustellen, aus welchen einfacheren psychischen Gebilden diese 
sich zusammensetzen, in welchem kausalen Zusammenhänge sie mit 
anderen psychischen Gebilden stehn u. s. w. Alles Tatsächliche am 
Urteil fällt ins Gebiet der Psychologie. Aber die Frage nach der Wahrheit, 
der Gültigkeit eines Urteils — und darum handelt es sich doch schliefslich 
beim Erkenntnisprozefs — vermag die Psychologie nicht zu lösen, da diese 
keine Tatsachen sind. Freilich wird in jedem Urteile vom Urteilenden 
etwas für wahr gehalten, und diese Meinung hat der Psychologe zu er¬ 
klären, ob aber dieser Anspruch auf Gültigkeit berechtigt ist, vermag er 
uns nicht aufzuzeigen. Hierzu ist eine andere Methode als die kausale der 
Psychologie nötig. 
Zweck und Aufgabe alles Erkennens und somit alles Urteilens ist die 
Erforschung der Wahrheit. Darum ist uns diese nicht als Tatsache sondern
        

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